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Kommentar zum UCI-Report : Führung nach Gutsherrenart

Lance Armstrong wurde geschützt – aber auch in anderen Sportverbänden gab und gibt es ähnliche Strukturen wie im Radsport Bild: dpa

Im Report des Radsport-Weltverbands wird der Schutz von Lance Armstrong und anderen beschrieben. Doch die Analyse geht weit über den Radsport hinaus. Unter Strukturen von Autokratie, Intransparenz und Vetternwirtschaft leiden auch viele andere Sportverbände.

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          Dies dürfte das Ende nicht nur der olympischen Karriere von Hein Verbruggen sein, dem engen Freund des einstigen IOC-Präsidenten Jacques Rogge, dem Mann, der im Namen des Internationalem Olympischen Komitees die Vorbereitung der Sommerspiele 2008 in Peking überwachte und der seitdem nicht mehr ordentliches, sondern Ehren-Mitglied des elitären olympischen Zirkel ist. Autoritär habe der heute 73-Jährige, der immer noch mächtig mitmischt in der Welt des Sports, bis 2004 als UCI-Präsident geherrscht und den Aufstieg von Lance Armstrong zum Superstar skrupellos dazu genutzt, die Vermarktung seiner Sportart weltweit voranzutreiben und seine persönliche Macht zu erweitern.

          Aktiv habe er dem Amerikaner, und anderen, geholfen, Doping-Tests zu vermeiden, Regeln zu beugen, positive Ergebnisse nachträglich zu legalisieren, die Doping-Bekämpfung seines Verbandes wie der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) zu unterminieren und letztlich das Ansehen von Verband und Sportart ruiniert.

          Verbruggen scheute sich laut dem Bericht der unabhängigen Reform-Kommission des Radsports, der an diesem Montag veröffentlicht wurde, nicht einmal, die Hilfe von Armstrongs Anwälten in Anspruch zu nehmen,  um die Enthüllungen der französischen Zeitung L‘Equipe über das Epo-Doping Armstrongs schon bei seinem ersten Gewinn der Tour de France 1999 zu diskreditieren, gegen die gleichermaßen entlarvende Berichterstattung der Sunday Times vorzugehen und sich eine persönliche Fehde mit Richard Pound zu leisten, dem Gründungspräsidenten der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada).

          Man muss ehrlich sein: Eine echte Überraschung ist dieser Aspekt der mehr als 200 Seiten starken Untersuchung nicht. Viel zu viel war und ist bekannt geworden, nicht erst seit der Protegé Verbruggens, der sieben Mal gedopt zum Toursieg fahren durfte, von der amerikanischen Anti-Doping-Agentur Usada überführt wurde und sich entschloss, weitgehend auszupacken.

          Hein Verbruggen schützte Armstrong und half mit beim Aufstieg zum Star Bilderstrecke

          Und doch ist der Report jeden Cent der drei Millionen Euro wert, die er gekostet hat. Denn vor allem beschreiben seine Autoren die Muster, nach denen Verbruggen und seine UCI handelten – bis hin zur Einsetzung des wie ein Strohmann agierenden irischen Nachfolgers Pat McQuaid. Dies macht den Report brandaktuell, denn unter solchen Strukturen von Autokratie, Intransparenz und Vetternwirtschaft leiden auch andere Sportverbände.

          Wer hat noch seine Weltmeisterschaft nach Qatar verkauft? Wer braucht kein Programm, um dennoch als Verbandspräsident weltweit eine loyale Gefolgschaft, zumindest aber stets genug Stimmen zu finden? Die Analyse des UCI-Reports geht weit über den Radsport hinaus und ist auch relevant für die Fifa des Joseph Blatter, die Leichtathleten des Lamine Diack, die Handballer des Hassan Moustafa, die Gewichtheber des Tamas Ajan und aller anderen Verbände, die sich nach Gutsherrenart führen lassen.

          Deshalb sollte sich nicht nur UCI-Präsident Brian Cookson, der die Untersuchung zur Rettung seines Verbandes in Auftrag gab, die Empfehlungen des Schweizers Dick Marty, des Deutschen Ulrich Haas und des Australiers Peter Nicholson aufmerksam lesen. Vielen olympischen Sportarten stünde es gut zu Gesicht, ihre beschränkte Macht in der Doping-Bekämpfung anzuerkennen und die enge Zusammenarbeit mit Regierungen und staatlichen Behörden anzustreben, wie diese empfehlen.

          Nachtruhe abschaffen

          Insbesondere die Beteiligung von Ärzten an Doping sollte den Einrichtungen bekannt gemacht werden, die über die Approbation und deren Aberkennung befinden. Statt auf hohe Zahlen von Doping-Proben zu verweisen, sollte intelligent getestet und untersucht werden – mit Test allein kommt man Dopern heute nicht mehr auf die Spur, da Mikro-Dosierungen gebraucht werden und die Nachtstunden für Kontrollen tabu sind.

          Dringend empfiehlt die Kommission nicht nur, die Nachtruhe von elf bis sechs Uhr für Dopingtests zu überdenken – „eine Schwäche des derzeitigen Systems“ –, sondern auch Nach-Tests mit neuen Methoden zur Norm zu machen. Whistleblower sollten unabhängige Ansprechpartner finden, und Wissenschaftler sollten mit verlässlichen Studien über die Prävalenz von Doping in verschiedenen Milieus beauftragt werden, um denjenigen die Basis zu entziehen, die auf ergebnislose Kontrollen verweisen und behaupten, dies beweise die Sauberkeit der getesteten Athleten.

          Die Stiftung Deutsche Sporthilfe übrigens dürfte die Kommission inspiriert haben. Knapp sechs Prozent der befragten Olympia-Sportler gaben 2013 in der Studie „Dysfunktionen des Spitzensports: Doping, Match-Fixing und Gesundheitsgefährdung“ zu regelmäßig zu dopen, weitere gut 41 Prozent verweigerten die Antwort. Vielleicht sollte man dem Radsport, der Avantgarde des professionellen Sports, auch bei seiner Wendung hin zum Guten folgen: das brüchige Fundament freilegen und mit der Renovierung beginnen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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