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Betrug im Radsport : Und plötzlich gibt es E-Doping

  • -Aktualisiert am

Ein paar Watt mehr: Aus einem klassischen Rennrad lässt sich leicht ein E-Bike machen Bild: Vivax Assist

Ist das die neueste Art des Betrugs? Beim Giro d’Italia lässt der Radsportverband die Rennräder der Teilnehmer auf versteckte Motoren untersuchen. Mechaniker winken zwar ab – doch unlösbar ist die Aufgabe nicht.

          Der Profiradsport befindet sich in einer Evolution. Einerseits wurden und werden durch Blutkontrollen Profis entlarvt, die auf den verbotenen Beschleuniger Epo zurückgriffen oder es immer noch tun. Oder andere Substanzen benutzen. Mit der Einführung des Blutpasses ist die Sache für die Radrennfahrer auf alle Fälle riskanter geworden. Der Internationale Radsportverband (UCI) fürchtet aber nun, dass die bisherigen Missbrauchs-Methoden durch E-Doping ergänzt worden sein könnten. Man nimmt das offenbar sehr ernst. Die UCI führte beim Giro d’Italia bereits zwei Kontrollen auf versteckte Elektromotoren durch.

          Ryder Hesjedal war nach der 18. Etappe des Giro auf der Suche nach einem Mechaniker. Der Kanadier musste zum Ausrollen rings um den Lago Maggiore den Sattel neu einstellen. Ein Kontrolleur der UCI hatte ihn abgeschraubt – er begutachtete den Rahmen nach einem möglicherweise verborgenen E-Motor. Auch die Pedale wurden demontiert und Blicke ins Tretlager geworfen. An Pedalen und in Rahmen bringen diverse Radhersteller Elektromotoren an und wandeln so klassische Räder in E-Bikes um.

          Anschubhilfe per Hand: Solche Unterstützung für Alberto Contador ist noch erlaubt

          Für den Privatgebrauch ist dies kein Problem, zumindest nicht bis zur Grenze von 250 Watt. Bei höherer Motorenleistung müssen die Räder als Kleinkrafträder polizeilich zugelassen werden. Im Sport fällt solche Unterstützung in den Bereich Manipulation. Anfang 2015 führte die UCI den Paragraphen 12.1.013 mit dem Stichwort „technologischer Betrug“ ein. Fahrer, die mit E-Motoren erwischt werden, werden umgehend disqualifiziert, für mindestens sechs Monate gesperrt und müssen zwischen 20.000 und 200.000 Schweizer Franken Strafe zahlen. Ihre Teams werden ebenfalls disqualifiziert und mit einer Sperre ab sechs Monaten belegt. Die Geldstrafe für sie liegt zwischen 100.000 und einer Million Franken.

          In der Szene hält man den Betrug für möglich. Mechaniker verschiedener Giro-Teams winkten zwar ab. „Das ist technologisch zu schwierig“, sagte ein Mitarbeiter vom Team Sky. Immerhin muss so ein Motor so leise laufen, dass die Konkurrenz ihn nicht hört. Verdächtige Bewegungen beim Zuschalten und Abschalten sollte es auch nicht geben. Sehen sollte man Motor und Batterie ebenso wenig. E-Doper müssen versierter sein als konventionelle Bastler. Unlösbar ist die Aufgabe aber wohl nicht. „Wo Rauch ist, da ist auch Feuer. Die UCI wird ihre Gründe für die Kontrollen haben. Und es ist gut, dass sie kontrolliert“, sagte Wjatscheslaw Jekimow, Chef des Teams Katjuscha.

          Auch Marc Reef vom deutschen Rennstall Giant Alpecin begrüßt die Kontrollen. „Es gab in der Vergangenheit immer wieder Geschichten. Keiner weiß, ob sie wahr sind. Aber es gibt jetzt immer mehr Doping-Kontrollen. Und da schauen die Leute nach anderen Wegen, um zu betrügen“, sagt er.

          Der erste Verdacht galt Fabian Cancellara. Ein italienischer Radsport-Enthusiast stellte Videos von Cancellaras Auftritten in der Klassiker-Saison 2010 ins Netz, bei denen er ungewöhnliche Handbewegungen und abrupte Beschleunigungen des Schweizers beobachtete. Bewiesen war damit noch nichts, Cancellara stritt die Beschuldigungen ab. Die Radsportgemeinde war gespalten in der Frage, ob sie dem Detail versessenen Zeitfahrspezialisten solche „Pionierarbeit“ zutrauen oder die Anschuldigungen als mangelnden Respekt vor der akribischen Vorbereitung des Berners werten sollte. Im vergangenen Jahr gab es wieder Spekulationen, als sich nach einem Sturz bei der Vuelta das Laufrad Hesjedals noch einige Zeit drehte. Die Radsport-affine Internetgemeinde demonstrierte umgehend in Selbstversuchen, dass sich ein rotierendes Laufrad auch nach einem Sturz noch weiter drehen kann.

          Dass Hesjedal jetzt beim Giro zu den Kontrollierten gehörte, hat wohl nichts mit der Geschichte von damals zu tun. Der Kanadier war vielmehr Protagonist der 18. Etappe. Er war einer der Tempomacher für den Gesamtführenden Alberto Contador. Auch dessen Rad wurde untersucht. Gefunden wurde nichts, wie auch nicht bei einer ersten Kontrolle zu Beginn des Giro oder bei den Frühjahrsrennen Paris–Nizza und Mailand–San-Remo.

          Dass für manchen Athleten ein Reiz darin liegt, seine Rivalen mit technischen Tricks zu besiegen, illustriert die Geschichte des Elektrobetrugs im modernen Sport. Bei Olympia 1976 versah der sowjetische Fünfkämpfer Boris Onishchenko seinen Degen mit einem Stromkreis, der Treffer bei den Gegnern auslöste, selbst wenn die Klinge sie um Zentimeter verfehlte. Onishchenko machte dies aber so offensichtlich, dass ein britischer Fechter aufmerksam wurde und eine Materialkontrolle forderte. Onishchenko wurde umgehend disqualifiziert. Im Radsport halten viele das E-Doping nicht für ausgeschlossen. Die italienische Polizei hat sich in jedem Fall darauf eingestellt. Hatte es in den vergangenen Jahren Doping-Razzien beim Giro gegeben, waren die Beamten am Samstag vor der 20. Etappe der Italien-Rundfahrt in einer speziellen Angelegenheit zur Stelle: Es gab eine große Motorenkontrolle – an den Rennrädern.

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