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Fall Bradley Wiggins : Willkommen in der Grauzone der Doping-Szene

Radeln in der Grauzone: Bradley Wiggins bei der Tour de France 2012. Bild: dpa

Tour-Sieger Bradley Wiggins und andere nutzten Lücken im Reglement oder die ungenügende Überwachung. Aber sind die Ausnahmegenehmigungen deshalb gleich Teufelszeugs? Eine Anti-Doping-Kommission soll den Fall nun untersuchen.

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          Eigentlich müssten die Freunde des sauberen Sports Bradley Wiggins und dem britischen Radsportteam Sky dankbar sein. Die Fahrgemeinschaft wehrt sich nach Veröffentlichung des Untersuchungsberichts des britischen Sportministeriums nach Kräften: Sky weist jedes Fehlverhalten entrüstet von sich. Sir Bradley, Sieger der Tour de France 2012, hochdekorierter Olympiateilnehmer, sprach angesichts des Vorwurfs vom Montag, eine Ausnahmegenehmigung der Welt-Anti-Doping-Agentur für ein Medikament nicht zur Gesundung, sondern zur Leistungssteigerung missbraucht zu haben, von der „Hölle auf Erden“ und von einer „Hexenjagd“. Er beteuerte am Dienstag gegenüber der BBC, nie gedopt zu haben, „zu hundert Prozent“. Die Rad-Ikone von einem ehrenwerten Untersuchungsausschuss für „unglaubwürdig“ erklärt? Prompt schaut alle Welt genauer hin. Was war und ist da los im Superteam der Profi-Szene und im Kontrollsystem überhaupt?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Wiggins und andere nutzten – wie von den Parlamentariern behauptet – Lücken des Reglements oder eher noch die ungenügende, komplizenhafte Überwachung. Aber sind die in Verruf geratenen Ausnahmegenehmigungen (TUE) deshalb gleich Teufelszeugs? Dann würde einem nachweislich zuckerkranken Leistungssportler mit einem Insulinverbot im Sport die Entfaltung seines Talents untersagt. Ein „robustes, transparentes System“, sagt Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur, reiche aus, Missbrauch zu verhindern. Und doch bleibt genügend Spielraum für Manipulateure, den Fahndern auch ohne TUE-Antrag eine Nase zu drehen.

          Kortison, das in Allerweltsmitteln steckt, wirkt gegen Entzündungen, Hautkrankheiten und bei Asthma. Es wird in Doping-Proben von Wettkämpfen relativ häufig gefunden, obwohl der Einsatz den Spitzensportlern in dieser Phase weltweit verboten ist – insofern die Substanz oral, intravenös oder rektal verabreicht oder intramuskulär injiziert wurde. Was aber, falls der Athlet fromm und fröhlich behauptet, er haben sein entzündetes Handgelenk mit einem kortisonhaltigen Sälbchen eingeschmiert? Dann sind die Fahnder angeschmiert. Handcreme ist erlaubt. Willkommen in der Grauzone der Doping-Szene.

          Verdächtig sind Athleten, die vor einer Kontrolle in ihrem Medikamentenformular nicht eintragen, ein Kortison-Präparat verwendet zu haben, aber positiv darauf getestet werden, allemal. „Und das schauen wir uns genau an“, sagt Mortsiefer. Ein Beleg für eine systemische Einnahme würde reichen, den Kandidaten aus dem Verkehr zu ziehen. Irgendwann sollte die Entzündung eines Handgelenks schließlich abgeklungen sein. Aber es gibt keine wissenschaftlich abgesicherte Erfahrung, aus einem Befund zweifellos eine Systematik ableiten zu können. Selbst wenn der entdeckte Kortison-Wert außerordentlich hoch sein sollte. „Mancher Athlet erklärt auf Nachfrage, er habe den gesamten Inhalt einer Tube aufgetragen“, sagt Mortsiefer und hebt im übertragenen Sinne die Hände: Feierabend. Einstellung des Verfahrens: „Das ist der Graubereich. An dieser Stelle kommen wir nicht weiter. Das ist ein Kampf gegen Windmühlen.“ Die Spitzbuben genießen freies Spiel. So lange können sie, insofern kundig oder von willigen Ärzten umgeben, die von Dopern beschriebenen leistungssteigernden Effekte nutzen: etwa eine gewisse aufputschende Wirkung oder die Reduzierung der Schmerzempfindung nach einer harten und vor der nächsten Etappe.

          Wiggins, Sky und die Kortison-Wahrheit: alles tut weh. Zumindest scheinen deutsche Radrennfahrer einen Rückschlag zu spüren. Marcel Kittel spricht kurz vor dem Start der Fernfahrt Tirrenoadriatico an diesem Mittwoch laut der Deutschen Presse-Agentur „von einem Super-GAU für den Radsport“, der „Erinnerungen an eine Zeit hervorruft, von der wir uns alle so sehr distanzieren wollen.“

          UCI-Chef: Anti-Doping-Kommission soll Fall Wiggins untersuchen

          Der Radsport-Weltverband UCI will den Dopingverdächtigungen gegen den früheren Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins genauer auf den Grund gehen. UCI-Präsident David Lappartient forderte am Mittwoch, dass sich die unabhängige Anti-Doping-Kommission (CADF) mit dem Fall um Wiggins und dessen damaliges britisches Team Sky beschäftigt. „Ich möchte, dass sie untersuchen, ob es einen Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln gibt“, sagte der 44 Jahre alte Franzose dem britischen TV-Sender BBC.

          In einem am Montag veröffentlichten britischen Parlamentsbericht wird Wiggins unterstellt, dass der fünfmalige Olympiasieger eine leistungssteigernde Substanz dazu genutzt habe, im Jahr 2012 die Tour de France zu gewinnen. Damit habe er zwar nicht gegen die Anti-Doping-Regeln verstoßen, wohl aber gegen die ethischen Prinzipien seines Rennstalls. Lappartient betonte, dass die Ergebnisse des Berichts „die globale Glaubwürdigkeit des Sports beeinträchtigen könnten“. (dpa)

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