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Doping-Kommentar : Meister der Scheinheiligkeit

  • -Aktualisiert am

Johan Bruyneel Bild: dpa

Johan Bruyneel sagt kein Sterbenswörtchen. Falls er es ehrlich meint mit dem Radsport, dann würde er jene Momente verwünschen, in denen er sich entschieden hat, Doping mitzutragen.

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          Der Radsport wird aufatmen. Denn Johan Bruyneel sagt nichts. Zumindest kein Sterbenswörtchen über Doping. Stattdessen klagt der ehemalige Profi über die amerikanischen Anti-Doping-Jäger. Weil sie ihn in diesen Tagen bis zum 11. Juni 2022 aus dem Verkehr gezogen haben. Bruyneel ficht das alles nicht an.

          Die Damen und Herren des amerikanischen Schiedsgerichts und überhaupt die Amerikanische Anti-Doping-Agentur (Usada) hält er nicht für zuständig. Das ist eine exklusive Sicht der Dinge. Wer, wenn nicht die Usada als Enthüller des Betrugssystems um den einst siebenmaligen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong ist besser geeignet, Bruyneels Rolle zu bewerten?

          Der Belgier lenkte die Armstrong-Teams US-Postal und Discovery, in denen ein Doping-System von erschreckendem Ausmaß herrschte. Das haben mehrere Profis und schließlich auch Armstrong beschrieben. Trotzdem wurde der Texaner nie mit einer offiziellen Doping-Probe überführt. Das hat er kaum allein organisiert: die schwierige Logistik des Blutdopings, die Beschaffung der verbotenen Mittel, den Einsatz in Ländern (etwa Frankreich), in denen Polizei und Staatsanwaltschaft zwischenzeitlich auch Durchsuchungen anordneten.

          Bruyneel fällt zu alldem nur so viel ein: „Es gab einige Momente in meiner Karriere, von denen ich wünschte, sie wären anders verlaufen.“ Ob er dabei an die ihn belastende Aussage Armstrongs neulich unter Eid denkt oder an die Enttarnung von Alberto Contador als Doper 2010, den er zum Tour-Sieg 2007 und 2009 geführt hatte?

          Lügner und Betrüger geschützt

          Falls Bruyneel es ehrlich mit dem Radsport meinte, dann würde er jene Momente verwünschen, in denen er sich entschieden hat, Doping mitzutragen, all die Lügner und Betrüger in seinen Teams zu schützen vor der Veröffentlichung der Wahrheit. Vermutlich dienten dabei ein feines Netzwerk hinein in nationale wie internationale Verbände und die Verbindung zu einflussreichen Persönlichkeiten der Politik. Wenn Bruyneel nun „Scheinheiligkeit“ beklagt, dann weiß er genau, wovon er spricht: dass den Radsportfreunden die Luft wegbliebe, falls er auspackte.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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