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Doping-Skandal : Man wird „ausgesucht“

„Ich hab’ ein Doping-Geständnis abgelegt“: Georg Preidler Bild: AFP

Der Blutdopingskandal weitet sich aus. Nun zeigt sich ein Radprofi aus Österreich selbst an. In Interviews spricht Georg Preidler über seinen Albtraum und verrät, wie er in das Netzwerk kam.

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          Die Thüringer Sporthilfe hatte ihn vorgeschlagen, am 1. Dezember 2007 war es soweit: Der Erfurter Anwalt Ansgard S. wurde mit dem Ehrenbrief des Freistaats Thüringen ausgezeichnet, in der Staatskanzlei. S. war damals zehn Jahre Vorstandsmitglied der Thüringer Sporthilfe und im Thüringer Skiverband, zudem Vorsitzender des Schiedsgerichts des Landessportbunds Thüringen. Vorstand der Sporthilfe blieb er bis 2017. Vergangene Woche war S. in Seefeld bei der Nordischen Ski-WM einem Langläufer allem Anschein nach beim Eigenblut-Doping behilflich.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Das hat Konsequenzen, nicht nur, was die durch Untersuchungshaft eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten angeht. „Im vorliegenden Fall wiegen die Vorwürfe so schwer“, heißt es in einer Stellungnahme des Sportministeriums, „dass eine Aberkennung des Ehrenbriefes selbstverständlich geprüft werden muss.“ Den Ermittlern, die Anwalt S. und seinen Sohn, den Arzt Dr. med. Mark S. in Seefeld und Erfurt verhaftet haben, dankte Minister Helmut Holter (Die Linke) „ausdrücklich“. Lückenlose Aufklärung sei „zwingend erforderlich“.

          Die Aufklärung der Tätigkeit von Vater und Sohn S. wurde den ermittelnden Münchner Staatsanwälten am Montag ein wenig erleichtert. Der Grazer Radprofi Georg Preidler stellte Selbstanazeige. Er ist jahrelang für das deutsche Giant-Alpecin-Team gefahren, als Mannschaftskollege von John Degenkolb, und noch etwas länger, bis einschließlich 2017, als das Team von Sunweb gesponsert wurde. Am Montag sagte Preidler, 28 Jahre alt, der „Kronenzeitung“ und der „Kleinen Zeitung“, dass sein Blut bei S. gelagert wurde, also zu den etwa 40 Blutbeuteln gehören könnte, die in einem Kühlschrank in Erfurt gefunden wurden. Preidler behauptet, dass S. ihm zwei Mal Blut abgenommen, aber nie refundiert habe. Bei sportlichen Erfolgen habe er nie betrogen. Vergangenes Jahr gelang ihm der erste Sieg bei einem World-Tour-Rennen, als er, inzwischen beim Groupama-FDJ-Team, eine Etappe der Polen-Rundfahrt gewann. Damit ist Preidler der vierte Österreicher im Portfolio von S., nach den Langläufern Max Hauke und Dominik Baldauf, die in Seefeld verhaftet worden waren und nach dem Radprofi Stefan Denifl, der bei der Innsbrucker Staatsanwaltschaft gestanden hat – und schon der zweite Radprofi.

          Die Münchner Staatsanwälte lagen bei ihrer Vermutung hinsichtlich weiterer von S. betreuter Sportarten nicht falsch. Angesichts der Geständnisse von Preidler und Denifl, 31 Jahre alt, 2017 Gewinner der Österreich-Rundfahrt und einer Etappe der Vuelta in Spanien, erscheint die Behauptung, der Radsport habe sich nach Jahrzehnten der Doping-Skandale gesäubert, widerlegt, jedenfalls, was dessen österreichische Sektion angeht. „Die Ärzte geben dir die Sicherheit, dass du nie auffliegst“, sagte Preidler. „Du trainierst Tag für Tag, aber bist nie vorne. Irgendwann willst du mehr. Das Blutdoping ist auch nicht viel Aufwand. Sie kommen zu dir und ziehen das durch.“ Wie der Kontakt zu Stande kam? Er sei „ausgesucht“ worden.

          Nicht der einzige Umstand, der weiter merkwürdig erscheint. Am Sonntagabend hatte der frühere Radsport-Manager Stefan Matschiner, der den Gerolsteiner-Profi Bernhard Kohl 2008 versorgt hatte und zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde, in der ARD gesagt, er habe S. seine Gerätschaften überlassen. „Ich habe gesagt, mach damit, was du willst, und somit war das Thema für mich erledigt.“ Konkreter wurde es nicht. Das Internationale Olympische Komitee rief „involvierte Sportler“ auf, „ihr Gewissen zu erleichtern und von einer Reduzierung der sportlichen Sanktionen auf Grundlage des Wada-Codes profitieren zu können“, wie ein Sprecher mitteilte. Man begrüße die Ermittlungen und hoffe zwecks abschreckender Wirkung auf schnelle und harte Strafen. Schneller als das Erfurter Sportministerium mit dem Auszeichnungsentzug war im Übrigen Estlands Staatspräsidentin Kersti Kaljulaid. Sie erklärte, die 2001 und 2006 Langlauftrainer Mati Alaver verliehenen Orden seien aberkannt. Alaver hatte seinem Langläufer Karel Tammjärv den Kontakt zu Dr. S. gebahnt.

          Doping-Komplizen des Erfurter Arztes sollen in München aussagen

          Nach der Doping-Razzia bei der Nordischen Ski-WM wartet die Staatsanwaltschaft München auf die Auslieferung des Vaters des Erfurters Sportmediziners Mark S. und einer mutmaßlichen Helferin. „Beide wollen wir in München haben“, sagte Pressesprecherin Anne Leiding am Montag. Das Auslieferungsersuchen soll möglichst zügig umgesetzt werden. Die in Seefeld festgenommenen Deutschen sollen bis zur Übergabe an die deutschen Behörden in Österreich in Haft bleiben. Dies hatte die Staatsanwaltschaft Innsbruck am vergangenen Freitag mitgeteilt. Das Landesgericht Innsbruck hatte gegen sie eine Übergabehaft verhängt. Bei der Razzia waren am vergangenen Mittwoch am Schauplatz der Nordischen Ski-WM unter anderem fünf Langläufer festgenommen worden. Alle haben zwischenzeitlich Eigenblutdoping gestanden. Parallel wurden in Erfurt der Sportmediziner Mark S. und ein mutmaßlicher Komplize verhaftet. Der Mediziner kooperiert nach Angaben seiner Anwälte „vollumfänglich“ mit den Ermittlern. (dpa)

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