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Rad : Offener Bruch zwischen den Teams bei der Tour

  • -Aktualisiert am

Muskelspiele: Thor Hushovd stellt sich den Kameras Bild: AFP

Zwei Tage vor dem Auftakt ist es zu einem offenen Bruch im ProTour-Zirkel gekommen: Nachdem ein Anwesender die „Operación Puerto“ verharmlosen wollte, verließen das Team Gerolsteiner, T-Mobile und sechs französische Teams aus Protest die Runde.

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          Die Branche legt sehr viel Wert auf Reinlichkeit, in einem fort wird geschrubbt und gewienert. Sie bringt regelmäßig die Rennräder auf Hochglanz und auch ihre Autos. Die Ausrüstung soll glänzen, die Radrennställe möchten ein gutes Bild abgeben. Das ist natürlich bei der Tour de France nicht anders. Und so herrschte auch am Donnerstag geschäftiges Treiben in den Docklands von London, wo viele Teams Quartier bezogen haben und damit auch ein größerer Fuhrpark entstanden ist. Mit dem Aufräumen tut sich der Radsport in anderer Sache wesentlich schwerer. Während Äußeres poliert wird, liegt im Innern weiterhin viel im Argen - eine beträchtliche Belastung auch für die Tour, die am Samstag mit dem Prolog in der Londoner Innenstadt eröffnet wird. Ohne den Sieger des vergangenen Jahres, der auf der Anklagebank sitzt. Ohne eine Startnummer eins. Ohne einen namhaften Mann wie Bjarne Riis, der die dänische CSC-Equipe bei dieser Tour nicht leiten wird. Alles Auswirkungen der ständigen Dopingskandale, die lange Schatten auf den Radsport und die Tour werfen.

          Rainer Seele
          Sportredakteur.

          Wie prekär die Lage ist, wie gespalten auch das Peloton, zeigte sich in besonderer Weise am späten Donnerstagnachmittag. Da kam es bei einem Treffen der Vereinigung der ProTour-Teams zu einem großen Zwist: Nachdem ein Anwesender - ein Spanier - die „Operación Puerto“ offensichtlich verharmlosen wollte, verließen das Team Gerolsteiner, T-Mobile und sechs französische Teams aus Protest die Runde. Der Spanier hatte, so wird berichtet, behauptet, dass die in die „Operación Puerto“ involvierten Profis nicht gedopt, sondern nur Medikamente genommen hätten. „Da hat es mir gereicht“, sagte Hans-Michael Holczer, Kopf des Teams Gerolsteiner. Er stand auf und verließ mit einigen Kollegen die Versammlung. Die Gruppe des Widerstandes zog sich in einen roten Doppeldeckerbus zurück, der mitten im Tour-Pressezentrum steht. Dort gründeten sie spontan eine neue Bewegung mit dem Ziel, die Glaubwürdigkeit des Radsports wiederherzustellen. Sie will sich strikt an den Ethikcode halten, auf den sich die ProTour-Teams einst geeinigt hatten. Bei anderen Teams, sagte Holczer, herrsche offenbar nicht die Überzeugung, dass er bedingungslos befolgt werden müsse. Ursprünglich hatte bei der Zusammenkunft der Teams über einen Ausschluss von Mannschaften wie Caisse d'Epargne, Lampre oder Saunier Duval aus dem gemeinsamen Verbund debattiert werden sollen.

          Ein Knall

          Zwei Tage vor dem Auftakt der Tour ist es mithin zu einem offenen Bruch im ProTour-Zirkel gekommen - das Rennen jedoch wird dadurch wohl nicht gestoppt werden. „Die Tour“, sagte Holczer, „wird ohne größeren Eklat beginnen.“ Was am Donnerstag geschah, nannte er immerhin einen „Knall“. Und Holczer sagte auch: „Man kann nicht davon sprechen, dass dieser Sport sauber ist.“ Vor kurzem hatte er noch die Hoffnung geäußert, dass die Tour deutlich reiner sein werde als zuletzt. Die Affären in der jüngsten Vergangenheit aber scheinen ein anderes Bild zu vermitteln - sie erwecken den Eindruck, dass sich in der Zunft kaum etwas geändert hat.

          Die Tour in London
          Die Tour in London : Bild: AP

          Das Peloton bei der Frankreich-Rundfahrt wird dadurch direkt beeinflusst. Das Team Astana zum Beispiel muss auf den Franken Matthias Kessler und den Italiener Eddy Mazzoleni verzichten, die unter Dopingverdacht geraten sind. Ihr Kapitän Alexander Winokurow steht - auch wegen der Enthüllungen von Jörg Jaksche - im Zwielicht. Das Team Milram wird bei der Tour nicht von dem italienischen Teamchef Gianluigi Stanga begleitet werden, der durch das Dopinggeständnis von Jaksche schwer belastet wurde. Das Team Milram hatte am Mittwoch bereits den italienischen Sprinter Alessandro Petacchi aus seinem Kader gestrichen; der Kollege von Erik Zabel muss, weil er das Asthmamittel Salbutamol beim Giro d'Italia offensichtlich zu hoch dosiert hat, mit einer Sperre rechnen.

          Riis, der die Tour im Jahr 1996 im Trikot des Teams Telekom gewonnen hatte und unlängst ein Dopingbekenntnis ablegte, zog sich jetzt angeblich aus freien Stücken von der Frankreich-Rundfahrt zurück - auch um Schaden vom Team abzuhalten. Riis gehört zu den Machern in der ProTour, die von Jaksche mit Dopingpraktiken in Zusammenhang gebracht wurden. „Ich muss zugeben, dass die letzte Zeit hart war“, sagte Riis. Er habe deswegen keine Kräfte mehr „für diese drei Wochen Tour-Hektik“.

          Personelle Rochaden

          Am Donnerstag schienen weitere kurzfristige personelle Rochaden vor der Tour noch möglich zu sein - schließlich hatten bis dahin auch noch nicht alle für die Tour vorgesehenen Radprofis die Ehrenerklärung unterschrieben, mit der der Internationale Radsportverband (UCI) einen „neuen Radsport“ schaffen möchte. Das Papier der UCI brachte nicht wenige Fahrer in Rage: Sie beklagen mangelnde Information, sie fühlen sich übergangen. Mancher unterzeichnete das Dokument deswegen sehr widerwillig, das gilt auch für Andreas Klöden, Partner des Tour-Favoriten Winokurow. Inzwischen signierte auch der Spanier Alejandro Valverde, der Kunde des spanischen Dopingnetzwerkes um den mutmaßlichen Drahtzieher Eufemiano Fuentes gewesen soll, den UCI-Brief. „Glauben die wirklich, dass nur saubere Fahrer unterschreiben?“, fragte zuletzt der Schweizer Zeitfahrspezialist Fabian Cancellara, der bei CSC unter Vertrag steht. Er selbst gab diese Antwort: „Es unterschreiben alle, wenn es heißt: Friss oder stirb. Alles ist so willkürlich.“ Der Schweizer gibt sich sehr entrüstet - und geht nun angeblich sogar auf Distanz zur Tour und zum Gelben Trikot, auf dem immer mehr Flecken zutage treten. Cancellara jedenfalls sagte vor der bevorstehenden Rundfahrt durch England, Belgien und Frankreich: „Ich möchte nicht Sieger dieser Tour sein.“

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