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Appell an alle Spitzensportler : Das ist schlimmer als Pornographie

  • -Aktualisiert am

Versteht Ihr, was ich sagen will?

Einiges wird verständlich, wenn man weiß, dass das Anti-Doping-Labor in Moskau weltweit 2013 die meisten Tests durchgeführt hat, die im Wada-Report von 2013 auftauchen. Das Nichtdetektieren von Dopern scheint sich also systemisch auszuwirken. Die meisten Sperren der amerikanischen Nada (Usada) im Jahr des Lance-Armstrong-Skandals entfielen übrigens auf chronisch kranke Seniorensportler, die vergessen hatten, ihre Medikamente auf dem Meldeformular anzugeben. Es werden zudem mehr als vier Mal mehr Athleten im Wettkampf überführt, als durch das sogenannte „schärfste Schwert der Analytik“ - die unangemeldete Trainingskontrolle, für die Ihr Athleten die stärksten Einschränkungen Eurer Persönlichkeitsrechte in Kauf nehmt. Als mir das alles klar wurde, musste ich nur noch eins und eins zusammenzählen.

Ich muss mich der Einschätzung von meinem Kollegen Helmut Digel, dem Council-Mitglied der IAAF, anschließen. Russische Verhältnisse gibt es überall. Weltweit werden pro Jahr rund 300.000 Proben analysiert und das auch noch jeweils auf sicher mehr als zehn Doping-Substanzen pro Probe. Selbst das beste analytische Verfahren der Welt, der HIV-Test, liefert im ersten Durchlauf fast ein Promille falsch positive Ergebnisse. Versteht Ihr, was ich sagen will? Entweder, die wenigen positiven Tests, die wir weltweit sehen, sind überwiegend falsch positive Tests - sprich: der vermeintliche Doper ist gar nicht gedopt -, oder russische Vertuschungsverhältnisse sind immer und überall, und die Analytiker sind bestrebt, nur wenige vermeintlich ganz sicher positive Fälle und Wiederholungsfälle überhaupt zu sanktionieren.

Jetzt wissen wir es besser

Doch nicht genug, jetzt kommt auch noch der Skandal in Russland ins Spiel, der uns allen plastisch vor Augen führt: Wir schlampen im Anti-Doping-Kampf. Russland war offensichtlich das Land, in dem auch die Welt-Anti-Doping-Agentur und diverse internationale Verbände genau wussten, dass dort in größerem Umfang gedopt wird. Auch mir wurde immer wieder erzählt, dass man dagegen nichts machen könne. Es wurde quasi heraufbeschworen, dass es im Anti-Doping-Kampf immer noch den Eisernen Vorhang gäbe. Jetzt wissen wir es besser.

Die beteiligten Sportorganisationen haben nur einmal mehr den Willen vermissen lassen, in den eigenen Reihen zu ermitteln und gegen eigene ranghohe Vertreter entschieden genug vorzugehen. So wie es jetzt aussieht, war man im Weltverband der Leichtathletik nicht einmal bereit, überhaupt nur hinzusehen, ob hier nicht ein generelles Problem bestehen könnte, wenn immer wieder russische Athleten des Dopings mit sehr altertümlich anmutenden und im Training hervorragend nachweisbaren anabolen Substanzen im Ausland überführt werden. Diese Sportvertreter, die offensichtlich das Wegsehen professionell erlernt haben, sollen es jetzt für Euch richten? Dreimal dürft ihr raten, was jetzt passieren wird.

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