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Pechsteins Streitlust : „Astronomische Ausmaße“

Rache oder Rehabilitierung im Sinn? Claudia Pechstein Bild: dpa

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein will eine Wiedergutmachung für ihre Dopingsperre. Beim „Champion des Jahres“ vergleicht sie sich mit Amanda Knox.

          3 Min.

          Claudia Pechstein hat angekündigt, dass sie die Internationale Eislaufunion (ISU) auf Schadenersatz verklagen werde. Die Eisschnellläuferin sagte, spätestens bis Ende dieses Monats wolle sie eine Anzeige beim Landgericht München einreichen. Formal richtet sich ihr Begehren auf Wiedergutmachungszahlungen „astronomischen Ausmaßes“, so ihre Ankündigung, zunächst gegen die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG), die 2009 die umstrittene Dopingsperre der ISU gegen die 39 Jahre alte Athletin durchgesetzt hatte.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Die Kosten des voraussichtlich langwierigen Zivilverfahrens werde ein Team aus Prozessfinanzierern tragen, das schon an ihrer Seite stehe – es habe bis zur letzten Instanz kostenlose Unterstützung zugesagt und solle im Erfolgsfall, von dem Claudia Pechstein „absolut überzeugt ist“, einen prozentualen Anteil an der angestrebten Entschädigung erhalten.

          Rache oder Rehabilitierung im Sinn? Claudia Pechstein
          Rache oder Rehabilitierung im Sinn? Claudia Pechstein : Bild: dpa

          Claudia Pechstein sagte, sie habe zu Beginn der Woche nach ihrer Selbstanzeige Nachricht von der ISU erhalten, dass sie künftig trotz ihrer weiterhin erhöhten Blutwerte nun unbehelligt starten dürfe. Wegen auffälliger Blutwerte war sie, per Indizienbeweis, von Anfang 2009 an zwei Jahre lang gesperrt. Nach ihren Worten gehe es ihr „nicht um hunderttausend Euro, sondern um viel mehr“. Mit Geld könne man das Unrecht, dass ihr widerfahren sei, gar nicht ungeschehen machen, „aber ich muss auch an mich und meine Zukunft denken“.

          Zahlreiche Sponsoren hatten sich in den zurückliegenden Monaten von der bis heute erfolgreichsten deutschen Olympionikin (fünf Goldmedaillen) abgewandt. „Wir müssten eine Klage weiterreichen, denn wir haben das Urteil gegen Pechstein nicht gesprochen“, sagte DESG-Präsident Gerd Heinze am Mittwoch der Deutschen Presseagentur und äußerte sogar Verständnis für ihr Vorgehen. „Der Schaden für Frau Pechstein war immens“, sagte der Verbandschef. Die DESG habe immer an der Seite der Athletin gestanden. Sportdirektor Günter Schumacher nannte den Fall Pechstein einen „Abenteuerroman mit vielen spannenden Kapiteln“, der noch nicht abgeschlossen sei.

          Blutanomalie möglich bis wahrscheinlich

          Claudia Pechstein war wegen zu hoher Retikulozyten-Werte bis Februar dieses Jahres von allen Wettkämpfen und dem Kadertraining der DESG ausgeschlossen worden. Einen positiven Dopingbefund, der dieses Urteil gestützt hätte, gab es nicht. Stattdessen hatte die ISU in ihrer Beweisführung damit argumentiert, dass diese Werte nur durch Blutdoping zu erklären sein könne. Das hat die Betroffene stets bestritten. Hämatologen aus dem In- und Ausland halten inzwischen eine Blutanomalie als Grund für ihre auffällig schwankenden Werte für möglich bis wahrscheinlich.

          Auch bei der Weltmeisterschaft im Frühjahr in Inzell lag eine ihrer Proben bei 3,06 Prozent (Grenzwert 2,4). „Dem wurde aber keinerlei Bedeutung beigemessen“, sagte Claudia Pechstein auf der Veranstaltung „Champion des Jahres“ im Robinson-Club im türkischen Badeort Kemer; erstmals nach zweijähriger Unterbrechung ist sie wieder in den Kreis von Spitzenathleten eingeladen worden.

          Im Sommer hatte sie mit einer Selbstanzeige und dem Hinweis auf die Messdaten in Inzell Selbstanzeige bei der ISU, der DESG, der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) erstattet. Darin forderte sie die Verbände zu einer Wiederaufnahme ihres Falles auf, um rechtsverbindlich klären zu lassen, dass es sich um eine gesundheitliche Störung und keinen Verstoß gegen die Anti-Doping-Regeln handele. Claudia Pechstein sagte, dass für sie „der Kampf erst dann vorbei ist, wenn ich vollständig rehabilitiert bin“. Alle, die „von eins bis drei denken“ könnten, hätten mittlerweile verstanden, dass sie „unschuldig verurteilt“ worden sei.

          Vergleich mit Amanda Knox

          Sie zog bei ihrem an starken Worten reichen Auftritt an der Seite ihres Lebensgefährten Matthias Große den bizarren Vergleich mit der Anfang der Woche in Italien aus dem Gefängnis entlassenen Amerikanerin Amanda Knox, die unter Mordverdacht gestanden hatte: „Sie hat vier Jahre im Knast gesessen und ist am Ende freigesprochen worden (aus Mangel an Beweisen). Wenn man den Grundsatz in dubio pro reo wirklich anwendet, hat sie es verdient. So gesehen war das Urteil auch ein Sieg für mich.“

          Claudia Pechstein bekräftigte, bei Olympia 2014 in Sotschi an den Start gehen zu wollen: „Ich fühle mich noch nicht so alt, wie ich bin, und meine Leistung stimmt.“ Außerdem werde sie entscheiden, „wann und wie und wo“ sie ihre Karriere beende und nicht „irgendwelche“ Funktionäre oder Mitglieder im Sportausschuss des Bundestags. Mit Spannung blickt sie an diesem Donnerstag nach Lausanne, wo der Internationale Sportgerichtshof (Cas) eine Entscheidung verkünden wird, ob die sogenannte Osaka-Regel des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gültig ist. Der Passus besagt, dass Sportler mit einer Dopingsperre von mehr als sechs Monaten von den folgenden beiden Olympischen Spielen ausgeschlossen werden müssen; dagegen haben mehrere amerikanische Athleten geklagt. Auch der Cas hatte Pechsteins Zweijahressperre mit der Begründung bestätigt, ihre erhöhten Blutwerte seien nur durch Manipulation zu erklären und nicht durch eine Krankheit.

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