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Internationale Doping-Razzia : Tonnenweise Stoff zum Nachdenken

Stolze Ausbeute: Italienische Carabinieri bewachen unzählige gefälschte Medikamente und Doping-Substanzen Bild: EPA

Diesmal muss der Spitzensport wohl nicht zittern: Bei der „Operation Viribus“ hat Europol den Freizeitbereich im Visier. Die Zahlen sind erschreckend. Auch die Welt-Anti-Doping-Agentur spielt eine Rolle.

          Das vorsichtige Aufatmen im Spitzensport kann man sich vorstellen. Zwar stünden die Ermittlungen erst am Anfang, sagte die Sprecherin des Kölner Zollkriminalamtes, Ruth Naliti, der Deutschen Presse-Agentur. Aber die aktuellen Ermittlungen im Rahmen der „Operation Viribus“ dürften sich hauptsächlich gegen den Freizeitsport richten. „Die Wahrscheinlichkeit ist groß“, wird sie zitiert. Die „Operation Viribus“, mit Razzien in 33 hauptsächlich europäischen Ländern, die der Bekämpfung des Handels mit Anabolika und gefälschten Medikamenten gilt, ließ Labore und Handelswege auffliegen und führte auch zu Kunden, bei denen es sich vor allem um „fanatische Fitnessstudio-Besucher und Bodybuilder“ handelt, wie Europol in einer Mitteilung ausführte.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Insofern konnte das Internationale Olympische Komitee ganz entspannt seinen Kommentar twittern: „Es ist entscheidend, die Händler und Produzenten ins Visier zu nehmen, die Doping im Sport ermöglichen und diese kriminelle Industrie vorantreiben“, hieß es da. Von einer bevorstehenden Razzia auf einen laufenden Spitzen-Wettbewerb einer olympischen Sportart wie etwa die Tour de France ist eher nicht auszugehen. „Ein wertvoller Schlag“, sagte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes. „Das hilft uns allen.“

          Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), deren Ermittlungs-Abteilung regelmäßig mit ihren Recherchen zu Justiz-Verfahren in verschiedenen Ländern beiträgt, hat auch diesmal mitgewirkt. In einem Statement erklärte die Wada, sie könne „ihre Rolle bestätigen“. Genaueres wollte die Agentur in Montreal auf Anfrage nicht sagen – mit Rücksicht auf die Arbeit der Behörden. Am 27. und 28. Mai hatten die verschiedenen an der Operation beteiligten Institutionen, darunter auch die Wada, in Budapest an einem Workshop teilgenommen, bei dem es um die Bündelung der Kräfte im Kampf gegen den Handel mit Dopingmitteln ging. Günter Younger, Chef der Wada-Ermittlungsabteilung, erklärte in dem Statement: „Dies ist die Art der Zusammenarbeit mehrerer Parteien, die echte Ergebnisse bringt und einen wichtigen Einfluss auf die Verfügbarkeit von gefälschten und verbotenen Mitteln haben kann, die von einigen Sportlern weltweit benutzt werden.“ Die Wada stehe bereit, diese Art von Rolle weiterhin zu spielen.

          Es ist noch nicht lange her, da zitterten einige Top-Leute im europäischen Leistungssport viel heftiger vor der Polizei. Im Februar 2019 verhafteten Beamte des österreichischen Bundeskriminalamt im Rahmen der „Operation Aderlass“ bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft in Seefeld (Österreich) neun Personen – darunter fünf Langläufer. Es ging um Doping mit Eigenblut. Wie viele weitere Athleten Kunden des Erfurter Mediziners Mark Schmidt waren, der jahrelang Blutdoper mit seinem Knowhow und technischer Hilfe versorgte, ist immer noch nicht bekannt. Angeblich decodierte er gegenüber der Staatsanwaltschaft München die Tarnnamen auf den Blutbeuteln, die in einem Kühlschrank in seiner Erfurter Garage lagerten. Mehrere Namen wurden aufgrund der Ermittlungsergebnisse bereits genannt, vor allem die von Radprofis. Schmidt und ein mutmaßlicher Helfer sitzen immer noch in Haft.

          Beschlagnahmt: Das von Europol herausgegebene Foto zeigt Dopingmittel in Frankreich.

          Österreich fällt auch bei der „Operation Viribus“ wieder ungut auf: Wien war eine Drehscheibe des internationalen Versands von Doping-Mitteln. Im Juni und im Herbst 2018 beschlagnahmten Ermittler mehr als eine Tonne davon. Das Bundeskriminalamt in Österreich erklärte, dass mehr als 20 Lieferungen nach Österreich geschickt und durch einen nicht eingeweihten Wiener Paketlieferdienst in mindestens neun europäische Staaten versandt wurden. Innerhalb eines Jahres wurden 21 Tonnen Doping-Präparate und illegale Arzneimittel verschickt. In den vergangenen 20 Jahren, so teilte Europol mit, habe der weltweite Handel mit Anabolika dramatisch zugenommen. Die Zahlen sind in der Tat alarmierend. 17 organisierte Banden habe man dingfest gemacht, neun Untergrund-Labore ausgehoben, 234 Verdächtige festgenommen, 839 Verfahren eröffnet, 24 Tonnen Steroidpulver beschlagnahmt.

          Ein riesiger Bedarf, ein Milliardenmarkt – mit nicht nur juristischen Nebenwirkungen. Im Leistungssport zeigen sich die Folgen des Steroid-Missbrauchs schon seit Jahrzehnten. Anabolika sind Substanzen, die den körperlichen Aufbaustoffwechsel pushen. In der Hauptsache geht es darum, durch mit illegal besorgten Medikamenten unterstütztes Training Muskeln zum Wachsen zu bringen. „Diese Substanzen“, hieß es in der Mitteilung von Europol, „können die menschliche Gesundheit ernsthaft beschädigen.“

          Aufgezählt werden erhöhtes Herzschlag-Risiko, Arteriosklerose, Erektionsstörungen, Leber- und Nierenschäden und ein erhöhtes Krebsrisiko. Auch psychische Veränderungen, Depressionen und erhöhte Aggression zählen dazu. Offen sichtbares körperliches Anzeichen für Anabolika-Doping ist die Steroid-Akne. Da es sich um männliche Hormone handelt, sind die Nebenwirkungen bei Frauen noch viel dramatischer als bei Männern. Sie werden virilisiert, entwickeln Körperbehaarung und Bartwuchs. Die tiefen Stimmen, die sie durch die Hormongaben bekommen, werden sie nie wieder los. Tonnenweise Stoff zum Nachdenken also für alle schluckenden und drückenden Freizeitsportler.

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