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Olympische Spiele in Sotschi : Russische Medaillen-Gewinner unter Doping-Verdacht

  • Aktualisiert am

Russland hat bei den Olympischen Spielen in Sotchi als beste Nation insgesamt 33 Medaillen geholt. Bild: dpa

Einem Bericht der New York Times zufolge waren Dutzende russische Athleten bei Olympia in Sotschi systematisch gedopt. Auch prominente Olympiasieger waren dabei. Die Zeitung beruft sich auf einen sehr prominenten Zeugen.

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          15 russische Medaillen-Gewinner sollen bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi gedopt gewesen sein. Das berichtet die New York Times unter Berufung auf den ehemaligen Leiter des Anti-Doping-Labors in Moskau, Grigori Rodschenkow. Dutzende russische Teilnehmer sollen betrogen haben, darunter 14 Ski-Langläufer und zwei Bobfahrer, darunter auch Bob-Veteran Alexander Subkow, Fahnenträger des russischen Teams und von Staatspräsident Putin gerne vorgezeigter Ausnahmesportler.

          Olympiasieger Subkow wie auch der ebenfalls verdächtigte Langläufer Alexander Legkow haben die Einnahme verbotener Substanzen dementiert. „Das ist eine absolute Verleumdung der Sportler der russischen Nationalmannschaft und auch von mir“, sagte Subkow, der 2014 in Sotschi im Vierer- und Zweierbob Gold gewann, der russischen Zeitung „Sport Express“. Auch Langlauf-Olympiasieger Legkow sieht die Dopingvorwürfe gelassen. „Ich bin zu 300 Millionen Prozent ruhig. Rufen Sie meine Trainer an und fragen Sie, wie wir in jenem Jahr trainiert haben“, sagte Legkow. „Wo sitzt Rodschenkow, in Miami, in Los Angeles? Es ist sehr leicht, so etwas zu sagen, wenn du weit weg bist.“ Auch Subkow ist sich keiner Schuld bewusst. „Ich gab Dopingproben vielfach sowohl an die Rusada als auch an die Wada ab. Ich nahm an fünf Olympischen Spielen teil und gewann auf drei von ihnen Medaillen“, sagte er. „Und jetzt versucht plötzlich jemand mir etwas unterzuschieben. Ich verstehe nicht, warum.“

          In nächtlichen Aktionen hätten Antidoping-Experten und russische Geheimdienst-Mitarbeiter die Dopingpraktiken vertuscht und systematisch Urinproben ausgetauscht, sagte Rodschenkow der Zeitung. Bis zum Ende der Spiele seien so rund 100 Proben vernichtet worden. Keiner der Athleten sei dadurch des Dopings überführt worden. Zudem habe er für russische Sportler eine spezielle Kombination aus drei verschiedenen Dopingmitteln entwickelt.

          Auf Nachfrage der New York Times sagte der russische Sportminister, Vitaly Mutko, es handele sich bei dem Bericht um „einen weiteren Informations-Angriff auf den russischen Sport“. Russland hatte bei den Olympischen Spielen in Sotchi als beste Nation insgesamt 33 Medaillen gewonnen, darunter 13 goldene.

          Am vergangenen Sonntag hatte der russische Whistleblower Witali Stepanow in der Sendung "60 Minutes" des amerikanischen Fernsehsenders CBS von einem Gespräch mit Rodschenkow berichtet. Die Welt-Anti-Doping-Agentur Wada hatte daraufhin am Dienstag eine Prüfung der Vorwürfe gegen Russland angekündigt.

          Unter Verdacht - der Mann ganz rechts: Alexander Subkow (r.) durfte bei der Schlussfeier von Sotschi noch ganz nah bei den Mächtigen stehen

           In einer Erklärung nach einer Sitzung des Stiftungsrates in Montreal vom Donnerstag (Ortszeit) hieß es von der Wada nun: „Seien Sie versichert, dass sich die WADA umgehend mit diesen zusätzlichen Anschuldigungen beschäftigen wird.“ Der Stiftungsrat ist höchstes Entscheidungsgremium der Agentur.

          Russland sah Chance, die Spiele zu dominieren

          Der Informant Grigori Rodschenkow war damals Chef des russischen Doping-Kontrolllabors. Schon seit vielen Jahren habe er mit Dopingmitteln experimentiert, sagte Rodschenkow. Vor den Olympischen Spiele in London 2012 habe er dann einen Cocktail aus drei verbotenen, leistungssteigernden Substanzen entwickelt. Seither sei dieser an russische Sportler gegeben worden.

          Zwei Jahre später, in Sotschi, lag die Überwachung der Dopingproben dann beim russischen Kontrolllabor. Das Sportministerium habe darin die Chance gesehen, die Spiele zu dominieren. Es sei ein systematischer Dopingplan erstellt worden. Im Herbst 2013 habe der russische Geheimdienst FSB begonnen, Rodschenkows Labor Besuche abzustatten, schreibt die „New York Times“. Das sei offensichtlich geschehen, um sich genau über die Behälter von Dopingproben und deren Verschlusssysteme zu informieren.

          Schon Monate vor den Spielen seien dann Urinproben genommen worden - bevor die Athleten mit dem Doping begonnen hatten. Während der Spiele habe Rodschenkow nachts, wenn kein unabhängiger Beobachter vor Ort war, die sauberen Proben erhalten und gegen diejenigen ausgetauscht, die ihm zuvor vom Sportministerium gegeben wurden. Keiner der russischen Athleten wurde des Dopings überführt. Das Team gewann in Sotschi 33 Medaillen.

          Nach den Doping-Enthüllungen durch die ARD im vergangenen Jahr sei Rodschenkow unter Druck geraten. Er sei dazu gezwungen worden, seinen Job aufzugeben, bekam Angst um seine Sicherheit und ging nach Los Angeles. Kurz darauf seien in Russland zwei seiner engen Kollegen völlig unerwartet gestorben.

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          In den Vereinigten Staaten schilderte er die Ereignisse nun dem Filmemacher Bryan Fogel in einem Interview. Das sei seine „Wiedergutmachung“, sagte Rodschenkow. Seine Aussagen können bislang nicht unabhängig bestätigt werden. Sie passen jedoch zu Untersuchungen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Diese hatte am Dienstag eine Prüfung der Vorwürfe gegen Russland angekündigt.

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