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Olympiaarzt Georg Huber : Der Heilsbringer mit der chemischen Keule

  • -Aktualisiert am

Georg Huber eilte rund um die Uhr zu Hilfe, wenn es zwickte Bild: dpa

Der frühere Olympiaarzt Georg Huber hat mehr Sportler gedopt als bislang bekannt war. Nach F.A.Z.-Informationen verabreichte der Mediziner auch dem Bahnradfahrer Robert Lechner Anabolika. Doch der Doktor schweigt weiter.

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          Georg Huber ist beliebt. Vom Busfahrer bis zum kirchlichen Würdenträger, vom Radfahrer bis zum Topmanager, der Arzt aus Bad Dürrheim hat allen geholfen, Schmerzen gelindert, lebensbedrohliche Krankheiten erkannt, Leben gerettet. Generationen von Sportlern sind ihm dankbar für seinen Einsatz bei zwölf Olympischen Spielen. Der „Schorsch“ oder „Jogi“, wie sie den Olympiaarzt riefen, kam immer, wenn es zwickte, zu jeder Uhrzeit. Und für jeden hatte er etwas übrig, für Sieger wie Verlierer. Meistens Trost, in der Regel Pillen.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Quelle ist versiegt. Huber ist kein renommierter Olympiaarzt mehr, nicht mehr bei großen Wettkämpfen unterwegs mit fliehenden Rockschößen und seiner berühmten Reiseapotheke. Huber ist nur noch Arzt, Mediziner ohne seine geliebten jungen Kunden. Ende Mai vergangenen Jahres hat ihn die Uni-Klink Freiburg nach seinem erzwungenen Geständnis, den Radsportlern Christian Henn und Jörg Müller das Anabolikum Andriol verabreicht zu haben, suspendiert.

          Unerlaubte Substanzen und Rezepte

          Seither ist es still geworden um Huber. Öffentlich spricht er kaum über sein Verhalten. Intern klagt er, behauptet, den Athleten rundherum als Menschenfreund gedient zu haben. Doch neue Details über seine Arbeit am Mann stellen diesen pseudohumanistischen Ansatz auf den Kopf: Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) hat Huber nicht nur Henn und Müller versorgt.

          Er verabreichte auch dem Zeitfahrer Robert Lechner unerlaubte Substanzen oder gab ihm Rezepte: Neben Andriol erhielt der Bronzemedaillen-Gewinner der Olympischen Sommerspiele von Seoul das Anabolikum Stromba sowie Cortison (Urbason). Dabei unterließ es Huber, Lechner über Nebenwirkungen der Medikamente aufzuklären. Der Mann, der nach eigener Darstellung stets die Gesundheit seiner Sportler im Auge hatte, verfolgte im Fall Lechner auch ein unter Dopern typisches Ziel: Er wollte die Muskelpakete vergrößern.

          Der liebe Jogi ein Doper-Doktor! Der Sport, der seine Familie war, hat ihn ausgeladen, seiner Ämter enthoben. Im Sommer fliegt man ohne ihn nach Peking. Huber ist (offiziell) unerwünscht. Dabei haben der Sport, Deutschland, die Welt, nichts verstanden, wenn man den Doktor so hört: „Es hat kein Doping gegeben“, sagte er im November der Deutschen Presse-Agentur (dpa): „Die Abgabe der Mittel hatte medizinische Gründe.“

          Den Organismus vor dem totalen Verbrauch retten?

          Seit Ende Mai 2007 war nur bekannt, dass aus Hubers Hand Andriol in die Leiber junger Radler gelangte. Ein Anabolikum für Olympioniken, harter Stoff für Kerngesunde. Der Spitzensportler, glaubte Huber, rannte, sprang, strampelte schnurstracks in die physische Existenzvernichtung. Dagegen trat der selbsternannte Heilsbringer mit der chemischen Keule an, mit Andriol, Stromba und Cortison: „Ziel war es, den menschlichen Organismus vor dem totalen Verbrauch zu retten.“

          Wenn der Doktor mit Vertrauten über seine sportärztliche Mission seit 1972 diskutiert, dann dauern die Gespräche oft stundenlang. Sie entwickeln sich zu Verteidigungsreden im Sinne der Substitutions-Theorie. Das war das Schlagwort mancher Herren in Weiß vor zwanzig Jahren. Eine geschickte Tarnung für im Sport teils unerlaubte Medikamente.

          Die Diskussion darüber ist längst entschieden. Huber aber beansprucht für Antworten auf Fragen, die mit ja oder nein zu klären sind, „mehrere Seiten“. So erläutert sein Anwalt Friedrich-Wilhelm Funke die Ablehnung, der F.A.Z. schriftlich gestellte Fragen zu beantworten. Zum Beispiel diese: „Haben Sie Robert Lechner zwischen dem 29. Oktober 1987 und dem 8. August 1988 Stromba und Andriol verabreicht oder übergeben?“ Huber schweigt. „Kein Kommentar“, sagt der Anwalt auf Anfrage. „So war es“, berichtete ein Zeuge.

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