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Sport-Kommentar : Es geht nicht nur um Doping

Nicht nur Doping ist ein Problem des Sports, es gibt viele weitere. Bild: dpa

Korruption und Missbrauch, sexuelle Übergriffe und Gewalt, Überforderung und Ausbeutung sind wie Doping akute Themen des Leistungssports. Daraus ergibt sich eine Frage, die nicht nur jeder einzelne Sportler beantworten muss.

          Die Angriffe auf Doping-Opfer und Doping-Opferhilfe hatten im politischen Berlin ihre Bühne: die Bundespressekonferenz und den Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Doch nichts von dem, was dort am Mittwoch ausgeführt wurde, beantwortet die Frage, warum Prof. Werner Franke, Claudia Lepping und Henner Misersky und Prof. Gerhard Treutlein, vier Kämpfer gegen Doping in West und Ost, mit unerbittlicher Härte und persönlichen Schmähungen auf diejenigen losgehen, die Schutz und Hilfe brauchen. Geschädigte müssen sich von ihnen pauschal als Trittbrettfahrer verdächtigen lassen. Wer sich als Opfer verstehe, lautet der Kern ihres Textes „Blackbox DOH“, habe moralisch versagt. Denn im Westen wie im Osten habe jeder die Wahl gehabt und aussteigen können. Zwangs-Doping? Eine Fiktion.

          Trotz dieser haarsträubenden Revision der Sportgeschichte sagt ein Abgeordneter nach der Anhörung, der Sportausschuss sei kein Schiedsrichter; er wolle nicht urteilen. Immerhin sind Abgeordnete wie Verwaltung sich einig darüber, dass endlich geklärt werden soll, ob die Schädigung der zweiten Generation, der Kinder der Missbrauchten, wie sie die DOH bei ihrer Beratung feststellt, sich wissenschaftlich belegen lässt.

          Die Auszahlung von 10.500 Euro an Geschädigte von Doping in der DDR wird nicht eingestellt, wie es Franke et al. fordern. Im Gegenteil: Die Abgeordneten bestärkten, dass das Gesetz in Kraft bleibe, und das Bundesverwaltungsamt teilte trocken mit, dass es sich, Stichwort Trittbrettfahrer, nicht manipuliert fühle. Bislang hat es 675 Anträge geprüft. Bei 44 Ablehnungen, 631 positiven Bescheiden, 370 Anträgen in Bearbeitung und elf Monaten Zeit bis zum Auslaufen des Gesetzes dürfte der vom Staat mit 13,65 Millionen Euro gefüllte Fonds bald ausgeschöpft sein. Auch dies ein positives Ergebnis: Der falsche Eindruck wurde korrigiert, dass die private und ehrenamtlich geführte DOH, eine Selbsthilfegruppe von Doping-Opfern, über Millionen verfüge. Mit gerade 50.000 Euro unterstützt der Bund den Verein seit dem vergangenen Jahr; das reicht nicht für eine professionelle Geschäftsführung und Beratung, sondern für drei 450-Euro-Jobs und den Betrieb.

          Wischt man den Schmutz beiseite, den die Kampagne hinterlassen hat, erscheint ein wichtiges Thema auf der sportpolitischen Tagesordnung. Ist, wer Schaden nimmt im Sport, wirklich selbst schuld? Nicht nur Doping schafft Opfer. Korruption und Missbrauch, sexuelle Übergriffe und Gewalt, Überforderung und Ausbeutung sind weitere akute Themen des Leistungssports. Sind sie sogar Teil des Systems, hinzunehmende Kollateralschäden einer auf Medaillenproduktion getrimmten Elitenförderung ohne Grenzen? Dies ist keine Frage, die jeder einzelne Sportler für sich allein beantworten muss; dies ist eine Frage, die auch Zuschauer, Medien, Politik, Sponsoren und Eltern sich stellen müssen: Welche Opfer sind wir für den sportlichen Erfolg zu bringen bereit?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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