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Gespräch zur Dopingproblematik : „Das IOC will nicht loslassen“

Ausgezeichnet: IOC-Präsident Thomas Bach (Mitte) empfängt die Ehrendoktorwürde der Universität Danzig. Bild: EPA

Andrea Gotzmann ist Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur. Im Interview spricht sie über den Auftritt von IOC-Präsident Bach beim Anti-Doping-Gipfel, deutsche Pionierarbeit und den möglichen Olympia-Ausschluss Russlands.

          6 Min.

          Stimmt der Eindruck, dass bei der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kattowitz das wichtigste Thema nicht auf der Tagesordnung stand: der Umgang mit der Datenmanipulation und damit mit dem staatlichen Doping Russlands?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das ist richtig. Das Programm war auf die Zukunft der Anti-Doping-Arbeit gerichtet: Wie können wir unser Regelwerk verbessern, damit das, was passiert ist, nicht noch einmal geschieht und eine solche Regelverletzung entsprechende Konsequenzen hat. Hinter den Kulissen wurde aber über das weitere Vorgehen in der Causa Russland gesprochen. Das Code Compliance Komitee wird sich in Kürze treffen und eine Empfehlung für den weiteren Umgang erarbeiten. Der Fragenkatalog, der an die russischen Verantwortlichen versendet wurde, ist nicht vollständig beantwortet worden. Vor Weihnachten wird sich das Exekutivkomitee treffen und auf Basis der Empfehlung über das weitere Vorgehen der Wada entscheiden. Das werden spannende Zeiten.

          Ist die spannendste Frage die, ob Russland, wenn sich die russische Anti-Doping-Agentur Rusada als nicht regelkonform erweist, an den Olympischen Spielen von Tokio teilnehmen darf?

          Das wäre der übernächste Schritt. Davor kommt nach den neuen Regeln eine Entscheidung des Cas...

          ... des obersten Schiedsgericht des Sports in Lausanne.

          Russland hat nach dem neuen Standard die Möglichkeit, gegen die Entscheidung der Wada vorzugehen.

          Juri Ganus, der Generaldirektor der Rusada, beteuert auf allen Sendern und in allen Medien, dass seine Organisation nichts mit den Manipulationen zu tun hat. Er kritisiert die Autoritäten seines Landes so heftig, dass man sich fragt, ob er leidenschaftlich für die unschuldigen Athleten kämpft und dabei Kopf und Kragen riskiert oder ob er als Doppelagent die Strategie des Apparates vertritt. Wie sehen Sie ihn?

          Das ist schwer zu bewerten. Er gehört mit seiner Agentur zur Gruppe der Nationalen Anti-Doping-Agenturen, den Nados, die derzeit versuchen zu helfen, ein unabhängiges Anti-Doping-System in Russland aufzubauen. Aber ich persönlich kann ihn nicht einschätzen.

          Klare Meinung: Andrea Gotzmann

          Sind Sie überrascht, dass es mit den Russen nun doch wieder vors Schiedsgericht gehen wird?

          Ich hatte erwartet, dass es nicht so glatt läuft, wie alle jubelnd vorausgesagt haben. Was nicht thematisiert wurde: Zurzeit greifen wieder Hacker Anti-Doping-Organisationen an und versuchen, in deren Daten-Systeme einzudringen, Gruppen wie Fancy Bear, die mit Russland in Verbindung gebracht werden. Ich empfinde es als unterirdisch, dass in dem Moment, in dem man versucht, aufzudecken, was in Russland passiert ist, wer warum die Daten aus dem Labor manipuliert hat, wie zur Ablenkung solche Angriffe kommen. Das geht gar nicht.

          Ist auch Ihre Organisation attackiert worden?

          Nach Auskunft unserer IT-Dienstleister und unseren Sicherheitsbeauftragten haben wir keine Erkenntnisse, dass ein Angriff stattgefunden hat oder unsere Systeme kompromittiert worden sind. Wir sind permanent wachsam.

          Kompromittiert – das Wort passt hervorragend auf das Ansehen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Haben Sie den Eindruck, dass deren Arbeit unter dem Widerstreit leidet, dass die Doping-Bekämpfer einerseits die Russen mit ihren Manipulationen nicht durchkommen lassen wollen und dass andererseits das Internationalen Olympische Komitee, das IOC, die russischen Athleten bei seinen Spielen am Start haben will?

          Das darf nicht passieren. Wir haben in Kattowitz zwanzig Jahre Wada gefeiert. Es ist einfach an der Zeit, dass die Governance-Strukturen überarbeitet werden. Es geht um Transparenz, Unabhängigkeit und Ausschluss von Interessenskonflikten. Unter der Leitung von Ulrich Haas von der Universität Zürich hat eine Arbeitsgruppe für Governance-Fragen, deren Mitglied ich war, nach langem Ringen eine Strukturreform auf den Weg gebracht. Ich vertrete die Meinung, dass das Exekutivkomitee der Wada viel unabhängiger sein muss.

          Ermutigt Sie die Wahl von Witold Banka zum Präsidenten der Wada am Donnerstag?

          Er wird der erste hauptamtliche Präsident werden und keinen zweiten Hut als Minister aufhaben. Das war am scheidenden Präsidenten...

          ...Craig Reedie, zeitweise Vizepräsident des IOC...

          ...zu kritisieren: die vielen Ämter, die er inne hatte. Er ist IOC-Mitglied, war zeitweise im Exekutivkomitee des IOC. Da fällt es schwer, die harten Entscheidungen zu treffen, die im Bereich Anti-Doping getroffen werden müssen.

          Erwarten Sie von Banka neuen Schwung?

          Die Chance gebe ich ihm. Wir hatten einen fairen Wahlkampf und ein demokratisches Verfahren innerhalb des Europarats, dass Banka als europäischer Kandidat ins Rennen ging. Sein erster Besuch galt den zwanzig führenden Nationalen Anti-Doping-Agenturen; das war im Juni in Oslo. Der Austausch hat mich ermutigt.

          Ist dieser Besuch ein Zeichen des Respekts vor den Praktikern?

          Wir, die Nationalen Anti-Doping-Agenturen, machen mehr als siebzig Prozent der Anti-Doping-Arbeit. In der Rede von Thomas Bach habe ich die Nados vermisst. Ich hörte immer nur Wada, IOC und ITA...

          ...International Testing Agency.

          Diejenigen, die professionell die Arbeit an der Basis leisten, kommen mit ihrem Rat und ihrer Erfahrung in der Governance-Reform der Wada nicht ausreichend vor. Wir haben keinen Sitz im Foundation Board.

          Bedeutet das, dass Sie von den harten und wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen sind?

          Wir spielen über Bande. Wir beraten die Regierungsvertreter Europas in Fachfragen in diesem Gremium und können somit unser Know-How einbringen. Ich bin bei den Sitzungen der entsprechenden Komitees im Rahmen des Europarates gemeinsam mit der Delegationsleitung aus dem Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat anwesend. Wir arbeiten hier sehr gut und effektiv zusammen.

          Zur ITA, die früher als Independent firmierte und jetzt nur noch International ist...

          Aus Authority ist Agency geworden. Die Autorität der Einrichtung ist ein bisschen zurückgefahren worden. Sie ist nicht unabhängig. Im Board sitzen wieder Vertreter des IOC.

          Drei der fünf Plätze halten die IOC-Mitglieder Kirsty Coventry, Ugur Erdener und Francesco Ricci Bitti, einst IOC-Mitglied, heute Präsident der Vereinigung der Olympischen Sommersportverbände und Mitglied der Koordinierungskommission der Spiele von 2016, 2020 und 2024. Warum muss es diese Agentur geben?

          Die ITA soll die internationale Anti-Doping-Arbeit von den Verbänden lösen. Aber so ganz loslassen will das IOC nicht. Neben der Unabhängigkeit fehlt die Erfahrung. Dies ist leider nicht der große Wurf.

          Wird der Anspruch erfüllt, nationale Interessen und die des Sports zurückzudrängen?

          Der Code schreibt mehr Unabhängigkeit fest. Zugleich setzt man den nationalen Anti-Doping-Agenturen die ITA vor die Nase. Die Nados haben diese Unabhängigkeit, das ist sehr wertvoll. Ich mag es nicht, dass man alle über einen Kamm schert. Das IOC und die Wada sollten differenzieren, wo gute Arbeit gemacht wird.

          Hat Bach sie mit der Ankündigung überrascht, dass neue Analyseverfahren eingeführt werden sollen?

          Für mich war nichts Neues dabei; das machen wir alles bereits. Mit dem Dried Blood Spot haben wir schon 2015, 2016 eigene Projekte initiiert. Uns wurden Steine in den Weg gelegt. Dies sei nicht die Methode der Zukunft, hieß es. Wir empfanden die Methode als gute Ergänzung und haben sie beim Nachwuchs eingesetzt.

          Die Probe besteht aus einem getrockneten Blutstropfen?

          Vier Bluttropfen aus der Fingerspitze werden auf eine Filterpapierkarte aufgetragen und getrocknet. Man kann sie in einem versiegelten Briefumschlag ins Labor schicken, ohne Kühlung, ohne große Transportkosten. Sie werden ausgestanzt und können analysiert werden. Der Test deckt nicht den vollen Umfang einer konventionellen Blut- oder Urinprobe ab. Aber eine breite Palette von Substanzen, die ständig erweitert wird, ist nachweisbar. Gemeinsam mit dem Labor in Köln haben wir hier Pionierarbeit geleistet. Mit dem Verfahren können wir Athleten entlasten, von aufwendigen Kontrollen und bei bestimmten Fragestellungen unberechtigte Doping-Vorwürfe ausschließen. Ich finde es erstaunlich, dass wir viel Geld investiert haben und in den Kommissionen, die die Einführung des Tests für die Olympische Spiele von Tokio 2020 und Peking 2022 vorbereiten sollen, nicht berücksichtigt werden.

          Das IOC hat mit der Re-Analyse alter Proben dafür gesorgt, dass Berge von Olympia-Ergebnissen neu geschrieben werden mussten.

          Das war ein sehr erfolgreiches Programm, gerade was die Analyse der Proben von Peking und London angeht. Daraufhin haben wir die mehr als fünfhundert Proben, die wir noch aus den Olympiajahren 2008 und 2012 von deutschen Athletinnen und Athleten gelagert hatten, in allen Sportarten, aus Training und Wettkampf, mit denselben Methoden analysieren lassen. Es war nicht eine einzige positive Probe dabei. Das ist für mich ein Zeichen, dass wir eine andere Qualität der Anti-Doping-Arbeit haben, und es spricht für unsere Athletinnen und Athleten.

          Haben Sie auch den gen-basierten Bluttest schon eingesetzt, den Bach für Tokio 2020 ankündigt?

          Wissenschaftliche Teams in aller Welt sind seit mehreren Jahren mit verschiedenen Ansätzen beschäftigt. Einige sind auf der Zielgeraden. Es bedarf eines enormen Aufwandes, bis man hier ein rechtssicheres Nachweisverfahren hat. Im Augenblick sind die Methoden noch nicht routinemäßig einsetzbar. Der Clou an der Sache ist, und das haben wir vor acht Jahren mit Wachstumshormon bereits gemacht: Proben nehmen, einfrieren und warten. Sobald die Methode validiert und zugelassen ist: Proben aus der Kühlung nehmen und analysieren. Das ist nichts Neues. Eine moderne Anti-Doping-Agentur tut all dieses ohnehin, und zwar nicht nur alle vier Jahre, sondern jeden Tag.

          Wenn Sie ein Thema auf die Tagesordnung hätten setzen dürfen, welches wäre das gewesen?

          Die Rechte der Athletinnen und Athleten und ihre Mitsprache in den Gremien. Sie sind der Mittelpunkt des Ganzen. Wir sollten uns unterordnen und alles für den sauberen Sport und die Athleten tun. Sie geben für ihren Sport alles.

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