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Gespräch zur Dopingproblematik : „Das IOC will nicht loslassen“

Ausgezeichnet: IOC-Präsident Thomas Bach (Mitte) empfängt die Ehrendoktorwürde der Universität Danzig. Bild: EPA

Andrea Gotzmann ist Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur. Im Interview spricht sie über den Auftritt von IOC-Präsident Bach beim Anti-Doping-Gipfel, deutsche Pionierarbeit und den möglichen Olympia-Ausschluss Russlands.

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          Stimmt der Eindruck, dass bei der Welt-Anti-Doping-Konferenz in Kattowitz das wichtigste Thema nicht auf der Tagesordnung stand: der Umgang mit der Datenmanipulation und damit mit dem staatlichen Doping Russlands?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das ist richtig. Das Programm war auf die Zukunft der Anti-Doping-Arbeit gerichtet: Wie können wir unser Regelwerk verbessern, damit das, was passiert ist, nicht noch einmal geschieht und eine solche Regelverletzung entsprechende Konsequenzen hat. Hinter den Kulissen wurde aber über das weitere Vorgehen in der Causa Russland gesprochen. Das Code Compliance Komitee wird sich in Kürze treffen und eine Empfehlung für den weiteren Umgang erarbeiten. Der Fragenkatalog, der an die russischen Verantwortlichen versendet wurde, ist nicht vollständig beantwortet worden. Vor Weihnachten wird sich das Exekutivkomitee treffen und auf Basis der Empfehlung über das weitere Vorgehen der Wada entscheiden. Das werden spannende Zeiten.

          Ist die spannendste Frage die, ob Russland, wenn sich die russische Anti-Doping-Agentur Rusada als nicht regelkonform erweist, an den Olympischen Spielen von Tokio teilnehmen darf?

          Das wäre der übernächste Schritt. Davor kommt nach den neuen Regeln eine Entscheidung des Cas...

          ... des obersten Schiedsgericht des Sports in Lausanne.

          Russland hat nach dem neuen Standard die Möglichkeit, gegen die Entscheidung der Wada vorzugehen.

          Juri Ganus, der Generaldirektor der Rusada, beteuert auf allen Sendern und in allen Medien, dass seine Organisation nichts mit den Manipulationen zu tun hat. Er kritisiert die Autoritäten seines Landes so heftig, dass man sich fragt, ob er leidenschaftlich für die unschuldigen Athleten kämpft und dabei Kopf und Kragen riskiert oder ob er als Doppelagent die Strategie des Apparates vertritt. Wie sehen Sie ihn?

          Das ist schwer zu bewerten. Er gehört mit seiner Agentur zur Gruppe der Nationalen Anti-Doping-Agenturen, den Nados, die derzeit versuchen zu helfen, ein unabhängiges Anti-Doping-System in Russland aufzubauen. Aber ich persönlich kann ihn nicht einschätzen.

          Klare Meinung: Andrea Gotzmann

          Sind Sie überrascht, dass es mit den Russen nun doch wieder vors Schiedsgericht gehen wird?

          Ich hatte erwartet, dass es nicht so glatt läuft, wie alle jubelnd vorausgesagt haben. Was nicht thematisiert wurde: Zurzeit greifen wieder Hacker Anti-Doping-Organisationen an und versuchen, in deren Daten-Systeme einzudringen, Gruppen wie Fancy Bear, die mit Russland in Verbindung gebracht werden. Ich empfinde es als unterirdisch, dass in dem Moment, in dem man versucht, aufzudecken, was in Russland passiert ist, wer warum die Daten aus dem Labor manipuliert hat, wie zur Ablenkung solche Angriffe kommen. Das geht gar nicht.

          Ist auch Ihre Organisation attackiert worden?

          Nach Auskunft unserer IT-Dienstleister und unseren Sicherheitsbeauftragten haben wir keine Erkenntnisse, dass ein Angriff stattgefunden hat oder unsere Systeme kompromittiert worden sind. Wir sind permanent wachsam.

          Kompromittiert – das Wort passt hervorragend auf das Ansehen der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada. Haben Sie den Eindruck, dass deren Arbeit unter dem Widerstreit leidet, dass die Doping-Bekämpfer einerseits die Russen mit ihren Manipulationen nicht durchkommen lassen wollen und dass andererseits das Internationalen Olympische Komitee, das IOC, die russischen Athleten bei seinen Spielen am Start haben will?

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