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Nach der Razzia : Sinkewitz und das System „legales Doping“

  • Aktualisiert am

Was geschah tatsächlich an der Uniklinik Freiburg? Bild: AP

Der geständige Dopingsünder Patrik Sinkewitz hat eingeräumt, noch in diesem Jahr mit Cortison behandelt worden zu sein. Im April war er deswegen an der Uniklinik Freiburg letztmals zu Gast, berichtete Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier.

          Die Justiz hat den deutschen Radsport weiter fest im Griff. Neue Erkenntnisse nach der umfassenden Doping-Aussage des früheren T-Mobile-Profis Patrik Sinkewitz und einer Großrazzia in Freiburg könnten die Sportart aber noch stärker in die Bredouille bringen als dies ohnehin schon der Fall ist. Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes (BKA) durchsuchten am Mittwoch die Arbeitsplätze und Wohnungen der beiden ehemaligen T-Mobile-Teamärzte und Uni-Mediziner Lothar Heinrich und Andreas Schmid. „Dabei sind einige Festplatten, CDs und schriftliche Unterlagen sichergestellt worden“, sagte der Freiburger Oberstaatsanwalt Wolfgang Maier am Donnerstag.

          Maier wartete mit einer Enthüllung auf. Demnach habe Sinkewitz eingeräumt, noch in diesem Jahr mit Cortison behandelt worden zu sein: „Im April 2007 hätte er das letzte Mal Cortison in Freiburg gespritzt bekommen, sagte Herr Sinkewitz dem BKA“, erklärte der Oberstaatsanwalt. Allerdings liegt möglicherweise dennoch kein Doping-Vergehen vor. Denn dem 27 Jahre alten Sportler aus Fulda könnte - wie seinem früheren Teamkollegen Jan Ullrich - im Gesundheitspass die Einnahme von Cortison zur Behandlung beispielsweise von Asthma gestattet gewesen sein. „Das bis zum Wechsel der Team-Mediziner bei T-Mobile im Mai 2007 das System ,legales Doping' über fingierte Ausnahmegenehmigungen angewendet wurde - davon gehe ich aus“, sagte Sinkewitz-Anwalt Michael Lehner.

          „Es wird keinen Sieger Ullrich geben“

          Ullrich soll hingegen nicht an der Freiburger Uniklinik behandelt worden sein: „Soweit ich gehört habe, gab es keinen Anhaltspunkt dafür, dass Jan Ullrich in Freiburg gedopt wurde“, sagte Maier. Ullrich soll Kunde des Doping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen sein und an den Spanier Gelder überwiesen haben. Zudem wurde der Tour-Sieger von 1997, der alle Doping-Vorwürfe stets zurückweist, vom italienischen Mediziner Luigi Cecchini betreut. Vor dem Landgericht Hamburg wird an diesem Freitag verhandelt, ob der Heidelberger Doping-Experte Werner Franke Ullrich öffentlich mit Fuentes in Verbindung bringen darf: „Es wird keinen Sieger Ullrich geben“, prophezeite Lehner, der auch Franke vertritt.

          Es werde Wochen dauern, bis die Ermittler einen Überblick über die sichergestellten Beweismittel hätten, sagte Maier. Er betonte: „Es ist Eigenblut-Doping gewesen.“ Die „Badische Zeitung“ vermutete im Keller der Freiburger Sportmedizin gar „eine regelrechte Blutbank“. Bei den Wohnungsdurchsuchungen in Freiburg und Horben (Breisgau-Hochschwarzwald) sind nach Angaben von Maier am Mittwoch die inzwischen von T-Mobile und der Uniklinik suspendierten Mediziner Heinrich und Schmid dabei gewesen: „Beide Verteidiger haben uns mitgeteilt, dass die Beschuldigten von ihrem Recht Gebrauch machen, sich nicht zur Sache zu äußern.“

          Sinkewitz-Beichte ermöglichte Durchsuchungen

          Nur durch die Sinkewitz-Beichte, der über Doping bei T-Mobile im Jahr 2006, „also in nicht-verjährter Zeit“, ausgesagt hatte, hätten das BKA und die Oberstaatsanwaltschaft tätig werden können, so Maier. Denn erst der Zeitraum seit 2002 ist strafrechtlich relevant. „Wir hatten schon Anfang Juli versucht, die Räume zu durchsuchen. Das hat das Amtsgericht Freiburg aber abgewiesen“, erläuterte Maier. Es gebe derzeit keine Belege dafür, dass die beiden Ärzte Beweismittel zur Seite geschafft hätten, betonte aber: „Die Möglichkeit haben sie gehabt.“ Dies gelte auch für den wegen Doping-Verdachts suspendierten langjährigen Freiburger Olympia-Arzt Georg Huber.

          Schmid und Heinrich hatten nach den Doping-Geständnissen früherer Telekom-Fahrer im Mai 2007 eingeräumt, „in den 90er Jahren das Doping einzelner Radprofis unterstützt zu haben“. Der gesetzliche Rahmen erlaube nach dem Arzneimittelgesetz eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe, sagte Maier: „Sollte der Tatbestand der Körperverletzung gegeben sein, sind bis zu fünf Jahren möglich.“

          Team-Kapitän Rogers „auf dem Prüfstand“

          Der des Testosteron-Dopings überführte Sinkewitz hatte in der Vorwoche vor dem Sportgericht des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR) detailliert über „die Art und Weise der Verabreichung von Doping-Mitteln durch Ärzte und Teamärzte“ unter anderem beim Team T-Mobile im vergangenen Jahr ausgesagt. Das Protokoll der Anhörung hatte der Sportgerichts-Vorsitzende Peter Barth an das BKA weitergeleitet.

          Der aktuelle T-Mobile-Kapitän Michael Rogers ist von den Doping-Vorwürfen seines früheren Teamkollegen Sinkewitz nach eigener Aussage nicht betroffen. „Wir haben mit Rogers gesprochen, er hat gesagt, er sei 2006 in Doping-Praktiken im T-Mobile-Team nicht involviert gewesen“, erklärte Teamsprecher Stefan Wagner. Der Kommunikations-Chef des Sponsors T-Mobile, Christian Frommert, sagte der „Bild“-Zeitung: „Wir haben alle entlassen, die mit Doping etwas zu tun haben, übrig ist jetzt nur noch Michael Rogers - und da prüfen wir im Moment.“

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