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Medaillen, Lügen, Dokumente : Bronze wird zu Silber

Diese Bronzemedaille wird nun versilbert: Betty Heidler erhält nachträglich ein neues Edelmetall. Bild: dpa

Betty Heidler darf sieben Jahre nach dem olympischen Wettkampf Bronze gegen Silber eintauschen. Im Radsport klagt derweil erstaunlicherweise keiner auf entgangene Prämien nach Siegen überführter Doper.

          Der Kyffhäuser auf der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Thüringen ist ein ganz schöner Ort für einen Ausflug. Wenn man oben steht am Barbarossa-Denkmal und das Wetter schön ist, sieht man im Nordwesten den Harz. Da, in Schierke, hatten sie ja schon zweimal über eine Olympia-Bewerbung nachgedacht, für die Winterspiele der Nazis 1936 und dann in den Neunzigern, als Deutschland gerade wiedervereinigt war.

          Aber neulich hatte sogar das kleine Kelbra, keine 4000 Einwohner, unten am Fuß des Kyffhäuser, eine Art olympischen Moment. Nadine Kleinert stellte eine Siegerehrung nach, weil sie mal wieder eine Medaille bekam, die zunächst eine andere Kugelstoßerin gewonnen hatte, die sich dann als Betrügerin herausstellte. Kleinert stellte sich auf eine umgedrehte Bierkiste, bekam eine Medaille um den Hals, und im Hintergrund dudelte die Nationalhymne.

          Die „Welt“ stellte das Video ins Netz. Niemand hat wohl mehr Erfahrung mit diesem Phänomen, Nadine Kleinert sagt, wenigstens 15 Mal sei sie in Ergebnislisten nach oben gerutscht, weil Doperinnen irgendwann doch noch überführt worden seien. Dann habe sie aufgehört zu zählen. Ihre Karriere hat sie 2013 beendet, Medaillen bekommt sie bis heute. Unwürdig findet Nadine Kleinert das. Hinter der Klasse der Ironie, mit dem sie den Betrug verarbeitet, öffnet sich ein düsterer Abgrund schier unendlicher Tiefe, viel tiefer und düsterer als der tiefste Burgbrunnen der Welt, der von der Burg oben auf dem Kyffhäuser übrig geblieben ist.

          Immer neue Ergebnislisten

          Am 25. Mai bekommt Betty Heidler eine olympische Silbermedaille. Nicht am Kyffhäuser, Betty Heidler bekommt ihre Medaille von Thomas Bach, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, in Frankfurt, am Sitz des Deutschen Olympischen Sportbundes. Es ist die Auszeichnung für eine sieben Jahre alte Leistung, den Hammerwurf bei den Sommerspielen in London 2012. Dass die russische Multi-Doperin Tatjana Lyssenko, inzwischen verheiratete Beloborodowa, auch in London gedopt war, ist seit 2016 bekannt, dem Jahr, in dem Betty Heidler ihre Karriere beendete. Traurig findet Betty Heidler das.

          Derweil schreiben die Staatsanwälte in München und Innsbruck die Ergebnislisten diverser Sportarten neu, im Moment wird mal wieder der Radsport angepackt. Auch Alessandro Petacchi vor sechs, sieben Jahren ein Kunde des Erfurter Mediziners Mark S.? Eine „große Lüge“, sagt Petacchi, und seine Konkurrenten von einst können ja mal versuchen, das Preisgeld von damals einzuklagen, das Petacchi ihnen mit seinen Sprints vor der Nase weggeschnappt hat. Vielleicht klagt aber auch niemand, weil sie „nie betrogen“ wurden, im Sinne Jan Ullrichs. Den denkwürdigsten, weil schamlosesten Prozess hat einstweilen Alexander Subkow geführt, der gedopte Bobpilot. Wladimir Putins Held von Sotschi 2014 hat vor Moskauer Gerichten erstritten, dass er sich weiterhin „Olympiasieger in Russland“ nennen darf, und klammert sich wie ein starrsinniger, greiser König an seine Goldmedaillen.

          Man könnte nun sagen, dass der Sport Ergebnislisten schreibt, die düsteren Märchen gleichen. Aber das wäre falsch. Das alles sind keine Märchen. Ergebnislisten sind Dokumente strategischer Lügen, von denen manche entdeckt werden. Und viele, viele nicht.

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