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Medaillen für München : Staatlich gefördertes Doping

Doping in Deutschland: Ärzte und Trainer waren in „systemisches Doping” verstrickt Bild: dpa

Die Olympischen Spiele in München 1972 waren der Wendepunkt: In West-Deutschland wurde „systemisch“ betrogen. Damals wurden Strukturen geschaffen, in denen der Sport sich bis heute bewegt.

          Als der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes, August Kirsch, während der Olympischen Spiele 1976 in Montreal auf den Sportmediziner Heinz Liesen traf, kam die Rede schnell auf die Mittel, die damals als „Kolbe-Spritze“ in die Geschichte eingingen. Sie seien wunderbar, schwärmte Kirsch, Liesen solle sie auch bei den Leichtathleten einsetzen. Ausgeschlossen, erwiderte dieser, das könne er nicht verantworten. Die Auseinandersetzung endete handgreiflich. „Dann hat er mir rechts und links wirklich einen um die Ohren gehauen“, erinnert sich Liesen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der emeritierte Professor ist heute Zeitzeuge. Kirsch ist tot. Damals war er Direktor des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp). Die vom Staat finanzierte Einrichtung hat praktisch vom Tag ihrer Gründung 1970 an Dopingforschung gefördert. Sportwissenschaftliche Zweckforschung, die sie koordinieren sollte, sei deshalb auch als nutzungsorientierte Dopingforschung zu verstehen, sagte an diesem Montag in Berlin Giselher Spitzer, Historiker aus Berlin, als er einen Zwischenbericht des Projektes „Doping in Deutschland“ vorstellte – pikanterweise in Auftrag gegeben vom BISp. Demnach waren das mit der Fachaufsicht betraute Bundesinnenministerium und Parlamentarier, waren Sportorganisationen und deren Repräsentanten sowie Ärzte und Trainer in „systemisches Doping“ verstrickt. Willi Daume, Präsident von Deutschem Sportbund und Nationalem Olympischen Komitee sowie als moralische Institution des Weltsports bekannt, sei ein Vertrauter des Befürworters von Anabolikadoping, des Olympiaarztes Joseph Keul aus Freiburg, gewesen und mit Doping-Interna versorgt worden.

          Anwendungsrichtlinie für Anabolika

          Keul habe die Gefahr von Doping kleingeredet und sich persönlich wie seinem Institut Forschungsmittel anweisen lassen. Auch an der Sporthochschule Köln habe Dopingforschung stattgefunden. Bei den beteiligten Medizinern habe eine Selbstbedienungsmentalität geherrscht. 1968 habe es, so Spitzer, erstmals eine Anwendungsrichtlinie für Anabolika gegeben, „das war der Einstieg“. Wissenschaftliche Argumente für deren Einsatz waren eine sogenannte „Indikation Leistungssport“, laut der Athleten wegen ihrer Belastung behandelt werden mussten. „Wenn wir es nicht tun, übernehmen es die Athleten selbst“, sei eine zweite Argumentation gewesen: der Versuch, Schlimmeres zu verhindern. Und schließlich wurde mit der Substitution verbrauchter körpereigener Substanzen argumentiert.

          Gleichzeitig forderte die Politik im Gegenzug zu staatlicher Förderung Erfolge. Der Kölner Mediziner Wildor Hollmann, so die Studie, erinnert sich daran, dass der Bundesinnenminister im Jahr vor den Olympischen Spielen von München forderte: „Von Ihnen als Sportmediziner will ich nur eines: Medaillen für München.“ Spitzer hat im Büro von Hans-Dietrich Genscher um ein Interview nachgesucht. Die Episode steht für die Signalwirkung politischer Erfolgsforderungen auf den Sport.

          1972 wurde der Staat zum maßgeblichen Akteur

          Auch Michael Krüger von der Universität Münster hat den Wendepunkt in jener Zeit ausgemacht. „München 1972 war konzipiert als Demonstration, dass der Sport sich nicht von der Politik instrumentalisieren lässt. Zugleich wurden die Strukturen geschaffen, in denen der Sport sich bis heute bewegt, einschließlich des Dopings“, sagte er in Berlin. „Der Staat wurde zum maßgeblichen Akteur im Sportgeschehen.“ Neben der Schaffung von Gremien und Strukturen wurde die Endkampfchance als Voraussetzung für staatliche Förderung eingeführt – „eine für die Dopingentwicklung ganz wichtige Entscheidung“, sagt Krüger.

          Die Kolbe-Spritze von Montreal steht, obwohl ihre Ingredientien Berolase und Thioctacid nicht ausdrücklich verboten waren, für die westdeutsche Dopingmentalität. Die von dem aus Kreischa nach Köln gekommenen Mediziner Alois Mader entwickelte Mischung diente allein der Leistungssteigerung, und sie wurde, so Spitzer, im „wissenschaftlichen Blindflug“ in Kanada 1200 Mal verabreicht. Kolbe brach kurz vor dem Ziel ein. Die Akte „Kolbe 1“, die im Innenministerium existierte, ist verschwunden. Spitzer fordert deshalb, die noch erhaltenen Unterlagen im Bundesarchiv zu versiegeln, um sie zu erhalten.

          Als die Testosteronstudie von Keul aus den Jahren 1985 bis 1987, die vorgeblich der Regenerationsfähigkeit, in Wirklichkeit aber der Leistungssteigerung galt, 1991 bekannt wurde, richtete die SPD-Fraktion eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung. Daraufhin sei, so Spitzer, am BISp intensiv ermittelt worden; sogar der einstige Direktor wurde aus dem Ruhestand geholt. Von den in Köln gewissenhaft erstellten Informationen wurden in der Antwort, dass es nicht um Dopingforschung, sondern um deren Gegenteil gegangen sei, „nicht alle Aspekte weitergegeben“. Spitzer vermied mit der Formulierung die Behauptung, das Parlament sei belogen worden.

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