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Fall Caster Semenya : Die Würde ist unantastbar

  • -Aktualisiert am

Die vom Cas zu entscheidende Sachlage im Fall Caster Semenya ist vertrackt. Bild: AP

Der Leichtathletik-Weltverband lässt Caster Semenya wegen ihres hohen Testosteronlevels nur noch nach einer Hormontherapie an bestimmten Frauen-Rennen teilnehmen. Warum nimmt sich der Sport nicht Basketball zum Vorbild? Ein philosophischer Gastbeitrag.

          Das Urteil des Obersten Sportgerichtshofes Cas zu den DSD-Regularien (Differences of Sex Development) des Internationalen Leichtathletik-Verbandes (IAAF) ist abstrus: Eine Diskriminierung sei notwendig, heißt es darin, um die Fairness und Integrität eines sportlichen Wettkampfs zu gewährleisten. Das spricht, ja schreit für sich selbst, denn das lässt das Verfassungs- und Völkerrecht nicht zu. Es gibt keine Diskriminierungen, die durch irgendeinen Zweck geheiligt werden. Deshalb gibt es bei vielen komplizierten Sachlagen Streit, ob es sich um Diskriminierung handelt, so etwa beim berühmt-berüchtigten Zwerge-Weitwurf. Aber falls eine Diskriminierung vorliegt, dann ist sie deshalb zu unterbinden. Die vorliegende sechsseitige Zusammenfassung des Urteils relativiert zwar diese Abstrusität, insofern sie von einer Prima-facie-Diskriminierung spricht, hebt sie aber nicht auf.

          Die vom Cas zu entscheidende Sachlage ist vertrackt. Deshalb ist es hilfreich, ein paar Dinge festzuhalten, die nicht strittig sein sollten. Zunächst liegen Diskriminierungen nicht dann vor, wenn Personen in ihrer Gleichheit verletzt werden, sondern wenn sie in der Gleichheit ihrer Rechte verletzt werden. Bei Bewerbungen auf eine Professur ist unstrittig, dass sich Personen mit ganz unterschiedlichem Geschlecht (männlich, weiblich, divers), bewerben, aber dieses Merkmal soll, so die Idee des Schutzes durch gleiche Rechte, keine Rolle bei der Auswahl spielen.

          Da es allzu lange doch eine wirkmächtige Rolle gespielt hat, sind wir in einer historischen Situation, die, hoffentlich vorübergehend, eine positive Diskriminierung von weiblichen und diversen Personen rechtfertigt. Aber eine positive Diskriminierung verbietet zu sagen, eine Person bekommt diese Professur, weil sie weiblich oder divers ist; sondern: bei gleichwertiger Qualifikation gibt es eine Bevorzugung vor männlichen Personen. Im Sport ist dieser Aspekt glasklar: Wären alle sportlichen Gegner gleich, liefen alle gleichzeitig über die Ziellinie. Es geht um gleiche Startchancen, damit nicht jemand von vornherein ausgeschlossen wird, jemals gewinnen zu können. Menschenrechte postulieren nicht die Gleichheit der Personen, sondern gerade umgekehrt: Der Schutz gleicher Rechte dient dazu, „ohne Angst verschieden sein zu können“ (Adorno). Das gilt analog auch im Sport.

          Zum Zweiten ist es nicht per se diskriminierend, Personen vom sportlichen Wettkampf auszuschließen. Man kann disqualifiziert werden, oder man kann an der Qualifikationshürde scheitern. In solcherart Fällen liegt etwas vor, was wie Ausschluss aussieht, aber etwas anderes ist. Regeln und Entscheidungen diskriminieren dann Fälle voneinander (unterscheiden sie), aber es liegt keine Diskriminierung in dem Sinne vor, um den es hier geht.

          Im Prinzip gilt das auch für den Fall der Läuferin Semenya. Die IAAF erbietet ihr den Start bei Rennen über 400 Meter bis zu einer Meile, solange sie ihren Testosteron-Level nicht mit einer Hormontherapie senkt. Das verstört hochgradig, weil Semenya wegen einer Übererfüllung der Wettkampfnorm ausgeschlossen wird. Das ist in etwa so, als schaffte man beim Boxen das Superschwergewicht ab. Die Athleten müssten sich herunterhungern, um ihre Karriere in der unteren Gewichtsklasse fortsetzen zu können. Beim Boxen kommt niemand auf die Idee, eine solche Regelung einzuführen.

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