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Leichtathletik-Kommentar : Die vergifteten Listen

Leichtathletik-EM in Stuttgart 1986: Heidi Krieger, hormongedopt Bild: picture-alliance / dpa

Als gäbe es nicht genug diskreditierte Rekorde in der Leichtathletik: Nun will der Weltverband Hallen-Weltrekorde der Jugend führen. Er greift in den Anabolika-Giftschrank der Geschichte - völlig ungeniert.

          Mit sechs neuen Weltrekorden werden deutsche Leichtathleten im kommenden Jahr in den Bestenlisten stehen. Der Weltverband der Leichtathleten (IAAF) will neuerdings Hallen-Weltrekorde der Junioren führen und dazu am 1. Januar 2012 nicht einfach ein blankes Blatt Papier auslegen.

          Vielmehr hat er schon mal die Bestleistungen von Siebzehn- bis Neunzehnjährigen so zusammengetragen, als hätte er nicht zweifelhafte und diskreditierte Rekorde genug. So stehen einerseits frische Leistungen wie die von Stabhochspringer Raphael Holzdeppe (5,68 Meter von März 2008) und Kugelstoßer David Storl, dem Weltmeister von Daegu (22,35 Meter von Dezember 2009), zu Buche.

          Andererseits jedoch greift die IAAF ungeniert in den Giftschrank ihrer bald hundertjährigen Geschichte. Indem sie die 6,88 Meter, die im Februar 1983 die achtzehnjährige Heike Daute sprang, ebenso zum Junioren-Weltrekord erhebt wie die 17,14 Meter, auf die der Dreispringer Volker Mai im März 1985 kam, erinnert sie alle Welt daran, dass das Doping von DDR-Athleten jener Zeit unwiderlegbar dokumentiert ist.

          In der Präambel zu seinen Rekorden verweist der deutsche Verband auf die entsprechenden Quellen: Publikationen und Strafverfahren. Die Kölnerin Ulrike Denk, die mit ihren 8,06 Sekunden über 60 Meter Hürden vom Februar 1983 nun noch zu einem Weltrekord kommt, das muss auch gesagt werden, wird dort nirgendwo erwähnt.

          Andreas Krieger hat sich nun mit einem offenen Brief an den Präsidenten der IAAF gewandt, an Lamine Diack aus dem Senegal, und erinnert ihn daran; nach dem Fall der Mauer sei das Doping-System der DDR aufgedeckt und vor der Weltöffentlichkeit demaskiert worden.

          Kaum zu glauben, dass dies vergessen ist, hatten die Mitglieder der IAAF sich doch mit dem Antrag aus Deutschland zu befassen, zum Jahrtausendwechsel einen Schnitt zu machen und neue, von den Altlasten des Kalten Krieges und seinen Doping-Auswüchsen unbelastete Weltrekordlisten zu beginnen. Sie ließen die Deutschen abblitzen.

          Zwei Weltrekordhalter existieren nicht mehr

          So kommt es, dass die IAAF in ihren Bestenlisten Leistungen führt, die nachweislich von Dopern und Doping-Opfern stammen. Mit der Bestenliste für Junioren macht der Verband aus dem Höchstleistungswahn eine Groteske: Zwei der darin genannten Hallen-Weltrekordhalter existieren nicht mehr.

          Der ukrainische Hochspringer Wladimir Jaschtschenko, der bei der Hallen-Europameisterschaft 1978 in Mailand mit gerade neunzehn Jahren und im Straddle den Weltrekord der Senioren auf 2,35 Meter steigerte, starb mit vierzig an Leberzirrhose; Alkoholismus, wie ihm nachgerufen wurde, könnte diese ebenso ausgelöst haben wie Anabolika-Doping.

          Kugelstoßerin Heidi Krieger, deren 20,51 Meter vom Februar 1984 jetzt neuer Junioren-Weltrekord sein sollen, ist nicht gestorben. Durch eine Geschlechtsumwandlung, ausgelöst durch Hormondoping des Teenagers, ist aus ihr Andreas Krieger geworden.

          Er wirft der IAAF in seinem Brief nun vor, dass sie dopingverseuchte Leistungen als erstrebenswert darstellt, und fordert, die gedopte Heidi Krieger und ihre Weiten aus allen Listen zu streichen. Andreas Krieger zeigt, dass nicht extreme Leistungen, sondern Anstand und Haltung Maßstab für Athleten sein sollten, gerade für die der Zukunft.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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