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Leichtathletik-Kommentar : Die Doper erklären den Krieg

Widerstand: Auch Sebastian Coe sollte die Hinweise ernst nehmen Bild: AP

„Farce“ nennt der bald ehemalige Präsident Lamine Diack den jüngsten Vorwurf von massenhaftem Blut-Doping in der Leichtathletik.

          „Farce“ nennt der bald ehemalige Präsident Lamine Diack den jüngsten Vorwurf von massenhaftem Blut-Doping in der Leichtathletik. Sein künftiger Nachfolger Sebastian Coe spricht von einer „Kriegserklärung“ gegenüber seinem Sport. Nur eine Antwort könne es geben: „Rauskommen und kämpfen“.

          Starke Worte, aber eben nur Worte. Vor allem die falschen: Die Berichte sind ernst zu nehmen, und von der Vernichtung einer Sportart durch Zeitung und Fernsehen kann schon gar keine Rede sein. Im Gegenteil. Die Leichtathletik scheint vor die Hunde zu gehen, und diejenigen, die Verantwortung übernommen haben für diesen faszinierenden Sport, schießen sich auf diejenigen ein, die Alarm schlagen. Im Dezember hatte das deutsche Fernsehen systematisches Doping in der russischen Leichtathletik und Korruption auch im Weltverband (IAAF) mit Sitz in Monte Carlo belegt.

          Gleich zwei Kommissionen sollen den Skandalen seitdem auf den Grund gehen, eine der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und eine der IAAF. Und während der russische Verband beginnt, sich zumindest personell zu reformieren, ist bis heute nicht zu erfahren, was die Arbeitsgruppen eigentlich treiben. Entweder wirken sie unheimlich effektiv. Oder sie sind untätig – was zynisch oder inkompetent wäre. Spätestens seit die Öffentlichkeit weiß, dass es einer russischen Marathonläuferin gelang, sich bei der IAAF von einer Doping-Sperre freizukaufen, seit Dezember weiß der Verband, dass ein ehemaliger Angestellter seiner Anti-Doping-Abteilung Berge von Daten über die Ergebnisse von Bluttests weitergegeben hatte. Er fand sie offenbar so alarmierend, dass er sie kopierte, bevor er ausschied.

          Hoher Anteil an Russen

          Seit Monaten droht der Verband dem Journalisten, der sie erhielt, mit juristischen Konsequenzen. Nun, da die Analyse der Daten veröffentlicht ist, tut der Verband, als hätten Journalisten und Experten einzelne Doping-Fälle nachweisen müssen. Nein, sie machen lediglich sehr plausibel darauf aufmerksam, dass mehr als 800 von 5000 Läufern und Mehrkämpfern, von denen Blutparameter aus einem Jahrzehnt vorlagen, höchstwahrscheinlich gedopt haben und dass ein Drittel der Medaillen von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen von solchen Athleten gewonnen wurden.

          Der hohe Anteil russischer Leichtathleten an den Verdächtigen – vier von fünf Medaillengewinnern – macht die Untersuchung eher glaubwürdig als zweifelhaft. Und erstaunlicherweise kommt der wahrscheinliche Anteil von Dopern an der Gesamtzahl der (getesteten) Athleten mit 16 Prozent der Hochrechnung des Welt-Leichtathletikverbandes sehr nahe. Die IAAF kam bei der Auswertung ihrer Blutprofile vor vier Jahren zu dem Ergebnis, dass 14 Prozent der Athleten gedopt sein dürften. Nimmt man zusätzlich an, dass Athleten mit Mikrodosierungen der guten alten Anabolika, mit Wachstumshormon, mit Insulin und insulinähnlichen sowie weiteren noch unbekannten Stoffen dopen, dass Athleten auch mit dem nicht verbotenen Schilddrüsenhormon Thyroxin manipulieren, müssten Funktionäre den Journalisten eigentlich zustimmen: Doper sind es, die der Leichtathletik den Krieg erklärt haben.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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