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Leichtathletik in Belarus : Wiederholungstäter wird Präsident

Mehrfach als Dopingsünder aufgefallen, nun plötzlich Präsident des belarussischen Verbandes: Iwan Tichon Bild: Picture-Alliance

Testosteron-Missbrauch und Steroid-Doping kennzeichnen seine Karriere. Trotzdem ist Hammerwerfer Tichon nun Präsident seines nationalen Verbandes. Und will in Doppel-Funktion nach Tokio.

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          Der belarussische Leichtathletik-Verband (BFLA) hat einen neuen Präsidenten, und die Vita des Gewählten spricht für sich: Beachtlich erscheint die Zahl seiner Erfolge, doch die Zahl seiner aberkannten Siege ist noch erstaunlicher. Hammerwerfer Iwan Tichon war 2003, 2005 und 2007 Weltmeister. Den mittleren, in Helsinki erworbenen Titel, musste er wieder abgeben wegen Testosteron-Missbrauchs. Die beiden anderen – von Paris und Osaka – durfte er dagegen behalten.

          Tichon war 2006 auch Europameister und hatte 2004 Olympia-Silber gewonnen. Beide Medaillen musste er zurückgeben. Als ihm im April 2014 bei Nachtests sein Testosteron-Doping von 2005 nachgewiesen worden war, ging auch sein EM-Sieg flöten. Schon im Frühjahr 2012 war dem nur 1,86 Meter großen aber gut 100 Kilogramm schweren Athleten bei Überprüfungen der Proben von den Olympischen Spiele in Athen verbotenes Steroid-Doping nachgewiesen worden. Wegen dieses Vergehens wurde er auch gleich von der Teilnehmerliste der Spiele in London gestrichen. 2016 in Rio durfte er trotzdem wieder antreten und gewann – im stolzen Alter von 40 Jahren – wie schon bei der EM 2016 prompt Silber.

          Teilnahme an Olympia 2021 im Visier

          Ein echtes Stehaufmännchen also, dieser Tichon, der auch nicht müde wird, seine Teilnahme an den verlegten Spielen von Tokio 2021 anzupeilen. Dann wird er 45 Jahre alt sein und in Doppelfunktion für Belarus antreten. Denn seit kurzer Zeit führt Tichon seinen nationalen Leichtathletik-Verband als Präsident an. Der Leichtathletik-Weltverband World Athletics (WA) hat diese Wahl scharf kritisiert. Es könne in der heutigen Zeit „niemand, der eine Dopingstrafe erhalten hat, eine offizielle Position in den Verbänden oder Strukturen von World Athletics innehaben“, sagte ein Sprecher dem Branchendienst „insidethegames“.

          Doch Tichon kann. Und der Posten bleibt in der „Familie“. Tichon ersetzt einen anderen Hammerwerfer, seinen langjährigen Weggefährten Wadsim Dsewjatouski, der ebenfalls schon als Doper aufgefallen war. Dsewjatouski wurde erstmals von 2000 an für zwei Jahre gesperrt. Seine erste internationale Medaille gewann er dann 2006 – zunächst Bronze, doch ausgerechnet wegen Tichons Testosteron-Vergehens rückte der damals nicht als unsauber aufgefallene Dsewjatouski auf den Silberrang vor. Der deutsche Hammerwerfer Markus Esser gewann im Nachhinein Bronze.

          Esser, der auch 2005 von den beiden Belarussen zunächst distanziert worden war und als geschlagener Vierter das Stadion verließ, ehe ihm Jahre später Silber zugesprochen wurde, wollte sich auf Nachfrage von FAZ.NET zu der sportpolitischen Karriere seines ehemaligen Konkurrenten „nicht äußern.“ Er fühlte sich von Tichon und Dsewjatouski um seine Feier auf dem Siegertreppchen betrogen.

          Dsewjatouski musste seine Silbermedaille von den Olympischen Spielen 2008 zunächst abgeben, da diesmal auch er positiv auf Testosteron getestet worden war. Als Wiederholungstäter hätte er lebenslang gesperrt werden müssen. Dagegen klagte Dsewjatouski aber vor dem Internationalen Sportgerichtshof (Cas). Und bekam tatsächlich seine Medaille zurück: Aufgrund einer Panne im Labor hob der Cas die Sperre auf. Im Zuge dieser Farce durfte auch Tichon seine Bronzemedaille von Peking behalten. „2008 konnte ich mir nicht vorstellen, welche Prüfungen mich erwarteten“, sagte er jetzt der belarussischen Zeitung „Pressball“.

          Von seinem Posten als Präsident der BFLA trat der 43-Jährige Dsewjatouski übrigens wegen nicht näher erläuterter gesundheitlicher Probleme zurück. Belarus wird von WA als Hochrisikoland für Dopingmissbrauch eingestuft.

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