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Gesperrte russische Athleten : Die Wut auf die alten Männer

Bringt ihren Ärger zum Ausdruck: die russische Hochspringerin Marija Lassizkene Bild: AP

Noch immer scheinen Trainer in Russland davon überzeugt, dass ein Sieg ohne Doping unmöglich ist. Doch es formiert sich Widerstand. Und der ist gewaltig.

          Was für ein Wutausbruch. Die Hochspringerin Marija Lassizkene haut mit größerem Gewicht auf den Tisch, als man ihr ansieht. Mehr als 200 Mal habe sie in dreieinhalb Jahren gehört, dass alles auf gutem Wege sei, und nun sei der russische Leichtathletikverband immer noch international ausgeschlossen. Sie hoffe, dass die Leute, die für diese endlose Schande verantwortlich seien, den Mut aufbrächten zu verschwinden.

          Auf Verbandspräsident Dmitri Schljachtin zielt die Tirade, die sie auf Instagram veröffentlicht hat, und auf Trainer, die immer noch davon überzeugt seien, dass ein Sieg ohne Doping unmöglich ist. Diese Leute seien es, die auch der nächsten Generation einredeten, die ganze Welt dope, fürchte die Russen, wolle diese deshalb ihrer Startmöglichkeiten berauben. Die zweimalige Weltmeisterin, Europameisterin von Berlin 2018 und Favoritin für Doha 2019 übertrifft mit ihrem Ausbruch den Bericht der Russland-Task-Force des Weltverbandes IAAF vom Wochenende. Darin war vom Frust Schljachtins berichtet worden, der aus allen Wolken falle, wenn westliche Medien wieder einmal einen gesperrten Doping-Trainer bei der Betreuung russischer Top-Athleten erwischten. In den Regionen habe der Verbandspräsident nichts zu melden. Rune Andersen, Leiter der Task Force, leitete daraus ab, dass ein Machtwort des russischen Präsidenten Wladimir Putin nötig sei. Der will in Tokio 2020 eine vollständige russische Olympiamannschaft sehen, mit Leichtathleten.

          Marija Lassizkene beklagt nicht, dass die Manipulationen sie den Olympiasieg von Rio 2016 gekostet haben. Russische Leichtathleten waren wegen des Doping-Skandals pauschal ausgeschlossen. Man darf aber annehmen, dass die 26 Jahre alte Hochspringerin unruhig wird, weil nicht absehbar ist, ob und wie die gut siebzig russischen Leichtathleten, die als sogenannte neutrale Athleten an internationalen Wettbewerben teilnehmen dürfen, in die Spiele von Tokio 2020 integriert werden könnten. Der Starrsinn der alten Garde könnte sie ihre zweite Chance auf den Olympiasieg kosten. Die Weitspringerin Darija Klischina brachte sich mit dem Kommentar „Volltreffer!“ in Erinnerung. Sie war in Rio die einzige russische Teilnehmerin an den Leichtathletik-Wettbewerben.

          Wenn sie die Arroganz gegenüber Sportlern beklagt, spricht Marija Lassizkene nicht für sich allein. Sie sollten springen, laufen oder dribbeln und ansonsten die Klappe halten, haben vom unterprivilegierten Amateur bis zum hochbezahlten Basketball-Profi LeBron James Legionen von Athleten zu hören bekommen – auch von denjenigen, die ihre Interessen vertreten sollen. Stabhochspringerin Jelena Issinbajewa zum Beispiel, dem Ausschluss der russischen Leichtathleten zum Trotz und unter Beugung der Anmeldefrist in Rio 2016 als Athletenvertreterin ins Internationale Olympische Komitee gewählt – sie leugnet das staatliche russische Doping. Marija Lassizkene stimmt mit ihrer Klage in eine weltweite Emanzipationsbewegung ein, die darauf pocht, dass Sportorganisationen und -verbände ohne Sportler sinnlos sind. Auch wenn es mancher nicht einsehen will.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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