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Lance Armstrong : Das Denkmal steigt vom Sockel

  • -Aktualisiert am

Er sei müde von der „Hexenjagd“: der Amerikaner Lance Armstrong Bild: REUTERS

Lance Armstrong will sich nicht mehr gegen Doping-Vorwürfe wehren. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur hat ihn lebenslang gesperrt. Auch alle Ergebnisse seit 1998 sind gestrichen worden. 

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          Er galt als der große, zähe Kämpfer, der sich nicht kleinkriegen lässt. Ein schier unbezwingbarer Radprofi, der nicht nur auf der Straße jeden Konkurrenten abhängen konnte, sondern dazu noch eine Krebserkrankung überwand. Die Bewunderer von Lance Armstrong fanden vor allem einen Ratschlag besonders wertvoll: Schmerz gehe vorbei, hatte der Texaner einmal gesagt. Aufgeben jedoch sei etwas, das ewig nachwirke.

          Den Wert einer solchen prinzipiellen Haltung hätte Lance Armstrong im Verfahren der amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada) unter Beweis stellen können. Doch der in die Enge getriebene Texaner verzichtete am Donnerstag auf den Kampf in eigener Sache - und wirkte damit letztlich so wie ein Denkmal, das selbst vom Sockel steigt. „Es kommt irgendwann im Leben eines Mannes der Tag, an dem er sagen muss: Genug ist genug“, erklärte Armstrong in einer schriftlichen Stellungnahme und kündigte an, sich nie wieder zu den in den vergangenen zwei Jahren zusammengetragenen massiven Doping-Vorwürfen zu äußern. „Ich werde dieses Thema nie wieder ansprechen, ganz egal unter welchen Umständen.“

          Die weitschweifende, zwei Seiten lange Erklärung, gespickt mit zahllosen rhetorischen Attacken, in denen der 40 Jahre alte ehemalige Radprofi das gegen ihn vorgebrachte Verfahren als „verfassungswidrige Hexenjagd“ abtat, hatte allerdings zumindest eine unmittelbare Konsequenz. Sie gab den Doping-Fahndern der Usada die sportjuristische Handhabe, Armstrong lebenslänglich zu sperren und ihm die sieben Siege bei der Tour de France abzuerkennen.

          Genau das kündigte Travis Tygart, der Geschäftsführer der Usada, noch in der Nacht zum Freitag in einer ersten Reaktion an. Alle Ergebnisse des siebenmaligen Tour-de-France-Siegers seit dem 1. August 1998 seien gestrichen worden, teilte die Usada dann am Freitag auf ihrer Internetseite mit.

          Eine solche Entscheidung dürfte Armstrong vorausgesehen haben. Denn dazu hatte er bereits vorher erklärt: „Ich weiß, wer diese sieben Touren gewonnen hat. Das wird niemand jemals ändern können. Besonders nicht Travis Tygart.“ Während der frühere Rennfahrer in seiner Stellungnahme über weite Strecken fast resignativ klang und sich als Opfer eines Verfahrens stilisierte, das ihn, seine Familie und die Arbeit seiner Stiftung belaste, drohte sein Anwalt Tim Herman im offiziellen Brief an die Anti-Doping-Agentur allerdings mit einer neuen juristischen Auseinandersetzung.

          „Betrüger“ - das sei der neue Titel

          Sein Mandant werde gegen jedwede Strafe gerichtlich vorgehen, schrieb er und verlangte, dass die Usada die Causa an den Internationalen Radsportverband (UCI) abtritt. Den Grund nannte er auch: „Wir glauben, dass das unabhängige Kontrollgremium der UCI, so wie jedes faire Tribunal, zu dem Schluss kommen wird, dass es sich bei den wenigen Indizien um belastete Aussagen handelt, die auf eine unredliche Weise von Zeugen eingeholt wurden, die versuchen, auf Kosten von Herrn Armstrong zu profitieren.“

          Falls Armstrong die Drohung wahr macht, würde die Frage nach der Legitimität der Ermittlungen gegen den einstigen Radstar, der zuletzt an Triathlon-Wettkämpfen teilgenommen hatte und beim Ironman in Hawaii im Oktober an den Start gehen wollte, eines Tages von regulären amerikanischen Gerichten endgültig entschieden werden. Auf ein solches Urteil wollten amerikanische Zeitungen und Kommentatoren nicht länger warten. „Betrüger“ - das sei der neue Titel, den sich Armstrong durch seinen Verzicht auf eine Teilnahme am Usada-Verfahren eingehandelt habe, schrieb „USA Today“. „Lance Armstrong ist Ben Johnson. Lance Armstrong ist Marion Jones.“ Die „New Yorker Daily News“ markierte das Ereignis mit der Überschrift: „Lance Armstrongs weltweite Lüge ist bloßgestellt.“

          Die Details sind noch nicht bekannt

          Tatsächlich sind die Details der von der Usada als Doping-Verschwörung eingestuften Causa noch immer nicht bekannt. Das liegt vor allem daran, dass die Staatsanwaltschaft in Los Angeles, die zwei Jahre lang ein Puzzle aus vielen Zeugenaussagen und gutachterlichen Einschätzungen zusammengetragen hatte, im Frühjahr darauf verzichtete, Anklage gegen den Texaner zu erheben. Für die Usada, die seit dem Geständnis von Floyd Landis parallel ihre eigenen Ermittlungen vorangetrieben hatte, war die Sache damit jedoch nicht erledigt. Sie erhob im Juni Anklage gegen Armstrong, seinen langjährigen Sportlichen Direktor Johan Bruyneel sowie drei ärztliche Berater und einen Masseur. Bruyneel, der zurzeit als Teamchef für das RadioShack-Team arbeitet, zog es - anders als Armstrong - vor, sich einem Schiedsgerichtverfahren zu stellen.

          Dunkle Wolken über dem Texaner: Der Verdacht gegen Armstrong verhärtet sich angesichts seines Statements Bilderstrecke

          Die gleiche Option wählten der Luxemburger Arzt Pedro Celaya und der spanische Masseur Pedro Marti. Im Rahmen der noch anstehenden Verhandlungen wird die Usada nicht nur das Beweismaterial vorlegen müssen, das belegt, dass Armstrong und seine Gefährten im US Postal Team und später auch bei Discovery systematisch auf Epo, Testosteron, Cortison und Blutdoping zurückgegriffen haben. Es werden zum ersten Mal auch die zehn Profis unter Eid aussagen, die mit der Usada kooperiert haben und im Rahmen von sogenannten Kronzeugenregelungen angeblich mit verkürzten Sperren davonkamen.

          Dazu gehört unter anderen der ehemalige Gerolsteiner-Fahrer Levi Leipheimer. Ob die Verhandlungen öffentlich stattfinden, hängt von der Haltung der Beschuldigten ab. Ebenso wenig ist derzeit klar, ob die Usada die drei Verfahren zusammenlegt und in einem Gang abwickelt oder ob für die drei Betroffenen individuelle Schiedsgerichte eingesetzt werden. Armstrong auf alle Fälle steht bereits endgültig als gestürzter Held da. Er hat seinen Ruf zerstört.

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