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Doping-Kommentar : Schumanns Wahrheit

2000 wurde Nils Schumann über 800 Meter Olympiasieger in Sydney. Bild: AP

Olympiasieger Nils Schumann fordert, dass Top-Athleten zu Versuchskaninchen von Pharmakonzernen werden. Eine distanzierende Erklärung des deutschen Sports wäre gewiss hilfreich.

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          Was für einen Spitzensport wollen wir? Zu der längst überfälligen Diskussion dieser Frage, die in den Verbänden des deutschen Sports - wenn überhaupt - hinter verschlossenen Türen geführt wird, hat Nils Schumann einen knallbonbonhaften Beitrag geleistet. Aus der Erfahrung, dass er mit seinem Olympiasieg von Sydney 2000 mit 22 Jahren jegliches sportliche Ziel verlor und noch dazu allen Halt im Leben, leitet der 800-Meter-Läufer ab, dass die Idee vom heroischen, mit Lorbeer bekränzten Athleten gescheitert sei.

          Daraus wiederum folgert er in einem Kapitel eines autobiographisch angehauchten Ratgeber-Buches, dass Spitzensport insgesamt so verkommen sei, dass man sich die Doping-Bekämpfung sparen könne. Stattdessen sollten Top-Athleten zu Versuchskaninchen von Pharmakonzernen werden und nicht zugelassene Medikamente und Gentherapien ausprobieren. Da sie auf diese Art und Weise Leben und Gesundheit zum Wohle aller riskierten, so wird Schumann in einer Rezension zitiert, würden sie wirklich Helden.

          Schumann hat mit seinen Thesen nicht wirklich Schlagzeilen gemacht. Einige Talkshows haben ihm eine Bühne geboten, einige Zeitungen haben an ihn erinnert. Trotzdem breitet sich im und um den Doping-Opfer-Hilfe-Verein Unruhe aus, dort, wo Geschädigten des systematischen Dopings in der DDR wirklich geholfen wird und wo man unter Prävention nicht abgedroschene Appelle für Fair Play versteht, sondern Aufklärung durch Beispiel und Erfahrung.

          Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium sollten sich bitte schön von diesem gefährlichen Unfug distanzieren, heißt es; eine entsprechende Petition ist in Arbeit. Aber warum, bitte schön, sollen Thomas de Maizière und Alfons Hörmann kruden Thesen aus einem mäßig beachteten Buch widersprechen? Hat Schumann nicht das Recht auf eine eigene Meinung? Haben Minister und Präsident des DOSB nicht Besseres zu tun?

          Die Welt des Sports ist speziell. Dort wird körperliche Leistung, im besten Falle erworben durch unbändigen Ehrgeiz und nimmermüdes Training, immer noch gern verbunden mit charakterlichen Eigenschaften: Wer schneller rodelt, radelt oder rennt, zu dem gilt es bewundernd aufzublicken. Michael Vesper, der Vorstandsvorsitzende des DOSB, fasst die Legitimation staatlicher Spitzensportförderung in dem Satz zusammen, dass es im nationalen Interesse liege, durch Sport Vorbilder zu schaffen.

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          Schumann hat andere Erfahrungen gemacht. Kaum Olympiasieger, sah er sich Doping-Verdächtigungen ausgesetzt. Arztbesuche in Madrid und Substanzen mit der Aufschrift „N“, welche die Polizei im Kühlschrank seines wegen Dopings von Minderjährigen verurteilten Trainers Thomas Springstein fand, machten die Sache nicht besser. Dass Schumann heute schreibt, siegen könne nur, wer dope, trickse und betrüge, wirkt wie eine Bestätigung des Verdachts von damals.

          Was tun, wenn sich Kinder und Jugendliche, sagen wir: an einer Eliteschule des Sports in Thüringen, auf den Thüringer Schumann und dessen Erfahrung beriefen? Eine distanzierende Erklärung derjenigen, die gern Vorbilder besingen, wäre gewiss hilfreich. Noch besser aber wäre, Schumann würde sich mit bald 38 Jahren, sechzehn Jahre nach dem Gipfel seiner Karriere, durchringen können, deren Ungereimtheiten zu erklären.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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