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Kommentar : Erdrückende Beweise

  • -Aktualisiert am

Die russische Fahne wird in Rio nicht für die Leichtathleten wehen. Bild: AP

Die Entscheidung, die russischen Leichtathleten von Olympia in Rio auszuschließen, ist nur folgerichtig. Schade um die Sportler, aber den Funktionsträgern ist es zu gönnen.

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          Nach den Ereignissen und Enthüllungen der vergangenen Monate ist die Entscheidung, die russischen Leichtathleten von den Olympischen Spielen auszuschließen, nur folgerichtig. Ob das jedem einzelnen Sportler gerecht wird, ist die Frage. Denn natürlich könnte es „saubere“ Athleten geben, die jetzt um die Chance ihres Lebens gebracht werden.

          Die Hintertür, die ihnen - falls es sie gibt - eröffnet wird, soll den Weltverband vermutlich vor allem vor Klagen schützen. Selbst wenn man gegenüber Einzelnen die Unschuldsvermutung aufrechterhielte: gegenüber dem russischen Staat und seiner Führung ist sie nicht angebracht. Denn für deren Verwicklung in das ausgeklügelte Betrugssystem gibt es erdrückende Beweise. Jetzt ist es an Russland, den Beweis der Läuterung zu erbringen.

          Aber wird das auch passieren? Wenn es nur um Sport ginge, dürfte man nicht vorschnell urteilen. Aber hier geht es nicht nur um Sport. Und deshalb ist eines ganz sicher: Die politische Führung wird den Olympia-Ausschluss öffentlich als weiteren Beleg dafür verkaufen, dass der Westen (oder welche bösen Mächte auch immer; Propagandisten sind da nicht wählerisch) Russland seine Erfolge neide und jetzt auf perfide Weise versuche, die Erfolgreichen zu demütigen.

          Mit dieser Verschwörungstheorie werden die Mächtigen kurz- und vielleicht auch mittelfristig bei Vielen Glauben finden. Volk und Führung sollen sich im Gefühl kollektiver Verfolgung einig sein. Mit ihrem Imponiergehabe kaschiert die Führung um Wladimir Putin aber auch ihre Angst vor – ja, wovor eigentlich? Ein Volksaufstand ist nicht zu erwarten. Und selbstverständlich gibt es keinen westlichen „Masterplan“ zum Sturz Putins.

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          Es ist ein Problem für Russland und seine Bürger, dass die Träger des Systems nicht in einer Welt glauben leben zu können, die auf Kompromiss und Interessenausgleich gründet. Das Ausland muss sich vorwerfen lassen, vor diesen Tendenzen zu lange nachgiebig die Augen verschlossen zu haben und sie so verstärkt zu haben; im Sport übrigens auch durch Sponsorenverträge mit Systemstützen wie Gasprom.

          Jetzt ist die Lage gründlich verfahren, in der Politik wie im Sport. Und da in Russland alles irgendwie „Staat“ ist, also Politik, hat der Sport leider erst dann wieder eine Chance, wenn die Politik sich nachhaltig ändert. Schade um die Sportler, aber den Funktionsträgern ist der Olympia-Ausschluss zu gönnen.

          Peter Sturm

          Redakteur in der Politik, zuständig für „Politische Bücher“.

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