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Kommentar : Doping-Lösung auf Eis

  • -Aktualisiert am

Das IOC will alle in Kühlschränken gelagerten Dopingproben der Olympischen Spiele von Peking auf die nun nachweisbare Substanz Cera überprüfen. So erfreulich der jüngste Erfolg der Analytiker ist, so unverändert bleibt der Abstand der Labors zur Spitzengruppe im Dopingrennen.

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          Wie war das noch kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Peking? Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), rechnete mit 40 Dopingfällen unter den rund 10 000 teilnehmenden Athleten. Arne Lungqvist, ein geschätzter Dopinganalytiker der Leichtathletik, sprach vom Sieg im Kampf gegen die Leistungsmanipulation. Der ehemalige Sprinter Frankie Fredericks, für Namibia im IOC, erklärte apodiktisch, 99,9 Prozent der Sportler seien sauber.

          Ein paar positive Nachprüfungen aus dem Kontroll-Fundus der Tour de France reichten nun, das IOC aus einer Freudenstarre zu wecken. Am Mittwoch erklärten die Olympier, alle nach Peking eingefrorenen Dopingproben kurzfristig zum IOC-Sitz an Lausanne transportieren zu lassen. Hinter diesem Auftrag steckt eine große Nummer: 4770.

          Verwirrende Zahlenspiele

          Erst 40 schmutzig, dann 99,9 Prozent sauber, nun Tausende verdächtig? Wie viele Proben letztlich aufgetaut und abermals analysiert werden, ist noch nicht klar. Aber die verwirrenden Zahlenspiele innerhalb von acht Wochen beweisen schon vor der Öffnung eines: Das Ausmaß von Doping im Hochleistungssport ist nicht überschaubar. Und so kommen Anti-Doping-Experten nach der positiven A-Probe des Radprofis Stefan Schumacher zu scheinbar unvereinbaren Interpretationen.

          Die Aktivisten in den Sportverbänden sehen in dem Fahndungserfolg des französischen Labors einen Beweis für die Tauglichkeit ihrer Bemühungen: Wir kriegen sie! Gleichzeitig werten unabhängige Fachleute die jüngsten Enttarnungen als Beleg für einen unverändert hohen Grad der Verseuchung, nicht nur im Radsport. Würde sich das auf ein sauberes Image erpichte IOC zu einer solchen Aktion hinreißen lassen, gäbe es nicht einen dringenden Verdacht?

          Am Abstand zur Sp(r)itzen-Gruppe ändert sich kaum etwas

          Beide Positionen schließen sich leider nicht aus. Es ist natürlich ein Glücksfall für den Sport, wenn gewiefte Analytiker Betrügern auf die Spur kommen. Aber diese wunderbare Geschichte ist nur eine Wiederholung der unendlichen Serie „Athleten im Visier“. Erst entdeckte man die Abbauprodukte von Anabolika und frohlockte über das Ende der Muskelprotze.

          Dann fand man die Spuren des Blutdoping-Mittels Epo und glaubte an die Beseitigung des letzten Übels. Nun ist die nächste Generation (Cera) enttarnt und mir ihr die Enkel der Anabolika-Doper. Die Fahnder haben zwar Schritt gehalten. Am Abstand zur Sp(r)itzen-Gruppe in diesem Rennen aber änderte sich kaum etwas. Dafür sind zu viele bislang nicht zu entdeckende Substanzen im Spiel und kaum nachweisbare Methoden in Gebrauch.

          Der Sport muss sich also frei machen von dem Irrglauben, ein neuer Test fegte eine in gut vierzig Jahren gewachsene Betrugsmentalität vom Tisch. Die besten Analysen können aufdecken, vielleicht in Ansätzen das Ausmaß erkennen lassen. Das Problem aber lösen sie nicht.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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