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Kinder-Doping in Deutschland : „Du bist ein Schwein“

Aktuelles Problem mit langer Vergangenheit: Doping in Deutschland Bild: dpa

In Deutschland wurden nicht nur Nationalspieler systematisch gedopt, sondern in großem Stil auch Kinder. Das belegt eine aktuelle Studie. Vor allem Freiburg entwickelte sich nach dem Krieg zu einer Doping-Hochburg.

          Der Kinder-Doping-Fall Christel Justen in Aachen ist kein Einzelfall im westdeutschen Sport gewesen. So wie der Schwimm-Europameisterin von 1974 mit vierzehn Jahren von ihrem Trainer Anabolika verabreicht wurden, so sind bereits früher Mädchen und Jungen im Spitzensport der Bundesrepublik gedopt worden. Das ist dem Band „Doping in Deutschland: Geschichte, Recht, Ethik 1950 - 1972“ von Giselher Spitzer zu entnehmen, der in diesen Tagen erscheint.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Berliner Historiker zitiert darin einen ehemaligen Sportler, der laut eigener Aussage Ende der sechziger Jahre einem Trainer vorwarf: „Du bist ein Schwein, im Grunde, weil du ein vierzehnjähriges Mädchen, weil du sechzehnjährige Jungens und die gesamte Mannschaft ansonsten mit Doping-Mitteln versorgst.“ Anders als in Fällen von Hormon-Doping Minderjähriger im DDR-Sport, deren Enthüllung überwiegend auf geheimen Aufzeichnungen des Staatssicherheitsdienstes oder von Sportwissenschaftlern basierten, handelt es sich in diesem Fall um ein Zeitzeugengespräch.

          Es kam nur zustande unter der Zusicherung größtmöglicher Anonymität. Weder der Täter noch dessen Opfer sind benannt. Der Zeitzeuge wird lediglich als „nicht nur auf nationaler Ebene herausgehobener Athlet“ und späterer Trainer beschrieben. Spitzer nennt weder den Ort des Geschehens noch die Sportart.

          In der jungen Bundesrepublik war Pervitin das Mittel der Wahl

          Der ehemalige Athlet erlebte laut eigener Beschreibung, wie sich Sechzehnjährige in der Umkleidekabine darüber austauschten, welche Pillen ihnen der Trainer gegeben habe und welche nicht. Altersangaben und Hinweise auf die Existenz von Mannschaften deuten auf Jugendliche aus dem Schwimmsport hin. Das passt zu der Dokumentation über Minderjährigen-Doping im Schwimmsport der DDR.

          Hüben wie drüben wurden Kinder unter Stoff gesetzt. Christel Justen bestätigte 1993, dass Trainer Claus Vandenhirtz ihr ohne ihr Wissen Dianabol verabreicht hatte; Justens Vater ließ die Pillen analysieren und die Praxis unterbinden. Erstmals habe sie das Doping-Mittel mit vierzehn Jahren erhalten; demnach muss die Vergabe 1971 oder 1972 erfolgt sein. Christel Justen starb 2005 im Alter von 47 Jahren.

          In dem Buch, dem ersten Teil der vieldiskutierten Studie „Doping in Deutschland: Geschichte, Recht, Ethik 1950 - 1972“, wird erweitert beschrieben und belegt, was die Forschergruppe der Humboldt-Universität Berlin 2010 mündlich vorstellte: dass die Forschung mit Aufputschmitteln in der Nazizeit ohne Bruch in der jungen Bundesrepublik fortgesetzt wurde; Pervitin, im Krieg in Panzerschokolade und Stuka-Pille an Piloten verteilt, war das Mittel der Wahl. „Ich glaube, Freiburg würde einen guten Kristallisationspunkt abgeben, um von hier aus wieder aufzubauen“, schrieb 1946 der Sportmediziner Herbert Reindell einem Mitarbeiter, wie Erik Eggers zitiert.

          In Deutschland entwickelte sich eine Doping-Mentalität

          Unter Reindell entstand in Freiburg eine Doping-Hochburg, die eine Doping-Mentalität in Westdeutschland entwickelte, die heute noch Blüten treibt. Eggers weist nach, dass einige der Helden von Bern 1954 Aufputschmittel intus gehabt haben dürften - sie waren damals nicht verboten, und es gab keine Kontrollen. Auch Hermann Buhl nutzte bei seiner Erstbesteigung des Nanga Parbat im Jahr zuvor die Wirkung.

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