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Opfer des DDR-Dopings : Der Sadismus der Sachbearbeiter

Langer Prozess: Kerstin Spiegelberg, die als Opfer des DDR-Dopings eine Rente fordert, mit ihrem Anwalt Sven Leistikow Bild: IMAGO

Krebs, Fehlgeburt, Depression: Die einstige DDR-Kanutin Kerstin Spiegelberg führt all das auf die Steroide zurück, die sie als ahnungslose Minderjährige bekam. Dafür fordert sie eine Rente, doch die Ämter quälen sie nur.

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          Wie kaltblütig ihre Trainer sie missbraucht hatten, realisierte Kerstin Spiegelberg erst, als sie längst wusste, dass sie im Sportclub Grünau jahrelang gedopt worden war. Die sogenannten unterstützenden Mittel waren anabole Steroide gewesen, das teilten ihr ein Jahr nach dem Fall der Mauer Brigitte Berendonk und Werner Franke mit; die beiden Experten aus Heidelberg hatten Einblick in ihre Trainingspläne gehabt. Nun aber, als sie 1991 mit dem Berliner Kanu-Verband nach Frankreich reisen wollte, stand sie unerwartet dem Mann gegenüber, der einst in ihr den Traum von Olympia geweckt hatte. Wie sie so sprechen über vergangene Zeiten, da lässt er fallen, dass ihr großes Ziel eine Schimäre war. Sie sei doch lediglich das Zugpferd im Team gewesen, sagt er, nur dabei, um das Talent der Truppe auf Trab zu halten. Von Anfang an sei klar gewesen, dass sie niemals Olympiasiegerin würde.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Immerhin war er ehrlich“, sagt Kerstin Spiegelberg über den Moment, der ihr den Atem verschlug. 23 Jahre sind vergangen seitdem und viele Verletzungen dazu gekommen. Vielleicht ist sie nicht weit genug weggegangen, als sie 1988 aus dem Spitzensport aussortiert wurde und bald darauf die DDR unterging. Aber so klein ist Berlin nicht, und zwischen Ost und West liegen in mancher Hinsicht heute noch Welten. Sie aber erlebt, wie nah sich West und Ost im Unrecht sind. Der Schmerz auch darüber treibt die drahtige blonde Frau an. „Erst der Krebs“, sagt sie, „dann die Therapie und nun die Scheidung. Jetzt holt mich alles ein.“ Sie paddelt, als sei sie auf der Flucht, sie schwimmt, sie rennt, sie fährt Rad. „Ich kann nicht noch mehr Sport machen“, sagt sie. „Ich kann nicht immer davonrennen.“

          Deshalb stürmt sie an gegen das Unrecht. Als erste Athletin Deutschlands, die als Minderjährige gedopt wurde, hat sie vor Gericht ihren Anspruch auf eine Opferrente durchgesetzt. Das ist kein Triumph, sondern eine schreckliche Erfahrung. Im September vergangenen Jahres akzeptierte das Sozialgericht Berlin, dass der Brustkrebs, der bei ihr im November 2000 diagnostiziert wurde, Folge des Dopings mit Oral-Turinabol und STS 646 war, denen sie als Sechzehn- bis Neunzehnjährige ausgesetzt war. Deshalb stehe ihr staatliche Unterstützung zu - allerdings nur für ein halbes Jahr. Lediglich so lange sei sie zu fünfzig Prozent geschädigt gewesen.

          Auch vor Gericht ein Leidensweg

          2007 reichte sie Klage ein. 2013, sechs Jahre später, verhandelte das Sozialgericht zum ersten und einzigen Mal. Der Tod eines ungeborenen Kindes, Hautkrebs, Bandscheibenvorfall, Depression - sie ist mehr oder weniger stark überzeugt, dass all das vom Hormondoping und den damit verbundenen Belastungen verursacht wurde. Doch über das Mamma-Karzinom hinaus hat das Gericht nichts anerkannt. Ihre Berufung dürfte frühestens Ende des Jahres verhandelt werden, womöglich erst 2015. „Es gibt einen Stillstand der Rechtspflege“, konstatiert ihr Anwalt Sven Leistikow. Der Zug vor Gericht, so scheint es, verlängert nur den Leidensweg.

          Denn hartnäckig weigerten sich Sachbearbeiter des Amtes anzuerkennen, dass es im DDR-Sport und schon gar in ihrem Fall so etwas wie Zwangsdoping gab; die Verabreichung von Pillen und Kapseln von der Hand des Trainers in den Mund der ahnungslosen Athletin. Die Antragstellerin musste zur Klägerin werden und fragte sich, ob Verwaltungsmitarbeiter, die aus der DDR stammen, das Ansehen ihres untergegangenen Staats verteidigten. Eine Sachbearbeiterin war nicht bereit, die in Zeitungen und im Fernsehen, in Büchern, in Filmen und nicht zuletzt in Strafverfahren bis zum Bundesgerichtshof belegte Körperverletzung zur Kenntnis zu nehmen. Kerstin Spiegelberg beschimpfte sie so heftig, dass sie Sorge hatte, angezeigt zu werden. Ein anderer Sachbearbeiter warf ihr so aggressiv, so bösartig und so persönlich vor, das Dopingsystem der DDR zum eigenen Vorteil genutzt und die Mittel freiwillig genommen zu haben, dass nun sie erwog, ihn zu verklagen. „Entweder sind die aus dem Osten und wollen das nicht wahrhaben“, dachte sie, „oder die machen ihre Arbeit nicht richtig.“ Als sie den Mann vom Amt vor Gericht fragte, ob er aus der DDR stamme oder aus dem Westen, antwortet dieser, das tue nichts zur Sache.

          „Die DDR hätte unproblematisch weitergeführt werden können mit westdeutschen Beamten“, sagt Leistikow. Auch in der alten Bundesrepublik könnten sich manche Behördenmitarbeiter nicht vorstellen, dass von Staats wegen Unrecht begangen wurde. Der Berliner Rechtsanwalt vertritt knapp fünfzig Dopingopfer; vor Gericht sind zehn der Fälle anhängig. Rund 700 ehemalige Athleten aus der DDR betreut der Doping-Opfer-Hilfeverein (DOH), Tendenz steigend. Die Hälfte der Betroffenen leide an schwersten Schädigungen, sagt die Vorsitzende der Organisation, Ines Geipel. Mehr als hundert seien psychisch so schwer geschädigt, dass sie zeitweise stationär behandelt werden müssten.

          Vor knapp 30 Jahren: Kanutin Kerstin Spiegelberg im DDR-Nationaltrikot

          Die Betroffenen blieben nicht alle im Osten; auch in Wiesbaden und Fulda sind sie bei Versorgungsämtern abgeblitzt. „Dies ist nicht etwa eine Ost-Geschichte“, sagt Leistikow. Es ist ein Gutachter aus Münster in Westfalen, der Medizinprofessor Eberhard Nieschlag, den viele dieser Ämter - auf Empfehlung des Bundesgesundheitsministeriums - mit Gutachten in ihrem Sinne beauftragten. „Nach dem heutigen Stand des Wissens“, schreibt Nieschlag 2011 im Fall Spiegelberg über anabol androgene Steroidhormone (AAS), „kann also kein kausaler Zusammenhang zwischen der früheren AAS-Einnahme und dem Mamma-Karzinom der Antragstellerin gesehen werden.“

          Nieschlag bekräftigt seine These 2013, weil zwischenzeitlich Werner Franke, der Heidelberger Molekularbiologe, der praktisch im Alleingang das DDR-Dopingsystem entlarvte und die Verantwortlichen mit Strafanzeigen vor Gericht brachte, in einer umfangreichen und furiosen Expertise das Gegenteil belegte. Es falle auf, schreibt Franke, dass sehr, sehr viele Gutachten für Versorgungsämter, die sich mit Dopingopfern befassten, von Nieschlag verfasst seien. „Dass diese offenbar allesamt negativ sind, war aufgrund der folgenden Tatsachen vorauszusehen und von den speziellen Auftraggebern als geldsparendes Ergebnis wohl auch so erwartet worden“. Nieschlag sei durch seine Arbeit an der Pille für den Mann, die auf der Verabreichung von Testosteron-Estern oder Testosteron-ähnlichen Substanzen basiere, zu seiner Haltung gelangt, schädliche Folgen von Anabolika-Doping generell abzustreiten oder herunterzuspielen. Franke wirft Nieschlag Nichtwissen über STS-646-Doping vor - die Verabreichung einer hochwirksamen Hormonsubstanz, die allein fürs Doping in der DDR hergestellt wurde, aber nie als Medikament zugelassen worden war. Dies sei im Gutachten zum Fall Spiegelberg voreingenommen und schädlich.

          „Dies ist natürlich eine politische Auseinandersetzung“, sagt Nieschlag am Telefon: „Wenn Sie glauben, dass die Auseinandersetzung über Doping im DDR-Sport objektiv war, müssen Sie das beweisen.“ Er nehme die Situation der betroffenen Sportlerinnen und Sportler sehr ernst, „aber als Gutachter müssen wir einen Weg zwischen persönlichem Leid und wissenschaftlicher Wahrheit finden“.

          Das Gericht folgte Franke in so weit, als es die Verabreichung der Dopingmittel unter dem Vorwand, es handele sich um Vitamine, in seinem Urteil einen „vorsätzlichen rechtswidrigen tätlichen Angriff“ nannte.

          Immer noch und immer mehr sind diejenigen, die an den Folgen von Doping leiden, Angriffen ausgesetzt - von der Behauptung, Dopingopfer seien so etwas wie eingebildete Kranke, nützliche Idioten in einer ideologischen Auseinandersetzung bis zu körperlichen Übergriffen. „Eine auch vom Bundestag wie immer auch zu erfolgende Konstituierung von ,Dopingopfern‘ kann jetzt und in Zukunft nicht anders verstanden werden als der Versuch einer weiteren politischen Diffamierung der DDR und ihres Leistungssports“, schreibt in einer vermutlich während der Diskussion um die Entschädigung von Dopingopfern Ende 2006 verfassten und auf der Website der „Gesellschaft für Rechtliche und Humanitäre Unterstützung“ veröffentlichten „Information“ Günter Erbach. Jener Mann, der in den letzten sechzehn Jahren der DDR Staatssekretär für Körperkultur und Sport war. Er fordert: „Dagegen anzugehen und solche Versuche zurückzuweisen, sollte ein Teil unseres Kampfes gegen die politische Strafverfolgung und ihre Folgen bleiben.“

          Zwei Jahre lang überwacht

          Auch deshalb will Kerstin Spiegelberg wissen, ob und warum jemand heute die DDR verteidigt. Es ist schwer zu verstehen, dass eine Behörde des Landes Berlin sich die Argumentation der Täter zu eigen macht, selbst wenn es darum geht, einen Pilotprozess nicht zu verlieren. Die unentwegte Sportlerin hat eine Allergie entwickelt gegen Menschen, die sie Stasi-Typen nennt. Ein Mann vom Kabelfernsehen, der sich als ehemaliger Volkspolizist vorstellt, bekommt deshalb keinen Zugang zu ihrem Keller - nicht übernommen von der Polizei, muss er ein Spitzel gewesen sein. Einen Patienten wirft sie aus der physiotherapeutischen Praxis, in der sie arbeitet, als dieser auf die gemeinsame Herkunft aus dem Osten der Stadt anspielt und fragt, ob sie „eine von uns“ gewesen sei. Erst als die Akten der Staatssicherheit offen lagen, stellte sie fest, dass sie vor einer Kuba-Reise mit der Nationalmannschaft zwei Jahre lang überwacht worden war. Da ihr Bruder aus der DDR fliehen wollte, drohten ihr Reise- und in der Konsequenz Sportverbot.

          Diese Frau in ihrem emotionalen Ausnahmezustand und ihrer körperlichen Versehrtheit wendet sich mit der Bitte um Hilfe an den Staat. Die Antwort ist der Vorwurf, sie habe die Dopingmittel doch verlangt. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hat, weil es nicht einmal den befristeten Rentenanspruch der missbrauchten Kanutin anerkennen will, ebenfalls Einspruch gegen das Urteil eingelegt.

          Viele Dopingopfer, Frauen um die Fünfzig, können dem Albtraum nicht davonlaufen wie es Kerstin Spiegelberg Tag für Tag versucht. Manche von ihnen leiden solche Schmerzen, dass sie den ganzen Tag in einem abgedunkelten Raum liegen. Viele sind nicht in der Lage, einer geregelten Arbeit nachzugehen; die Krankenkassen zahlen ihre Behandlung nicht. Die ehemalige Ruderin Cornelia Jeske, gedopt, seit sie 13 Jahre alt war, trat in den Hungerstreik, als ihre Anträge und Klagen in Magdeburg und Berlin abgewiesen wurden.

          Das Verhalten der Behörden traumatisiere die Opfer noch einmal, sagt Ines Geipel, die Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins. Sie nennt es Sadismus. Die einstige Sprinterin und heutige Literatur-Professorin wirbt, seit das Bundesinnenministerium die Arbeit ihres Vereins finanziell unterstützt, bei Parlamentariern und Ministerialen für die Opferrente. Nur eine politische Lösung könne helfen, ist sie überzeugt; der Klageweg sei den verletzten und gebrochenen Frauen nicht länger zuzumuten. „Das muss anders in die Hirne“, sagt sie, „und das muss jetzt passieren.“

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