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Harting über Doping-Aufklärung : „Jetzt müssen wir nach Kenia und Jamaika“

Charakterkopf: Diskuswerfer Robert Harting redet Klartext - auch in der Dopingfahndung Bild: dpa

Systematisches Doping in Russland und Korruption im Weltverband machen der Leichtathletik schwer zu schaffen. Im F.A.Z.-Interview redet Diskus-Olympiasieger Robert Harting Klartext.

          4 Min.

          Leichtathletik-Funktionäre und die olympische Welt behaupten, vom systematischen Doping in Russland und von der Korruption an der Spitze des Leichtathletik-Verbandes IAAF hätten sie nichts geahnt. Sind Sie auch aus allen Wolken gefallen?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Nein, ich freue mich, dass der Sachverhalt aufgeklärt ist. Bisher hatten nur Journalisten das behauptet. Nun hat eine unabhängige Kommission die Beweise überprüft und festgestellt: Ist so. Ich glaube nicht, dass Funktionäre wirklich überrascht sind. Die wissen doch alle, wie es läuft, und genauso wussten alle in der IAAF, dass Lamine Diack kein Engel war.

          Und jetzt?

          Wir haben das mit Russland geklärt, jetzt müssen wir nach Kenia und Jamaika und die gleiche Untersuchung anstellen. Das sind richtige Problemfälle in der Leichtathletik.

          Wissen Sie mehr dadurch, dass Sie dichter dran sind?

          Klar. Alle meine Kolleginnen und Kollegen hier wissen, wie sich ein Körper an der Leistungsgrenze anfühlt. Wir wissen, wie das ist, wenn man von jemandem besiegt wird, der im entscheidenden Moment ein, zwei Ticks besser ist als man selbst. Das kann man akzeptieren. Wir sind alle Profis, wir sind alle austrainiert, und wir pfeifen alle auf dem letzten Loch. Wir haben, ich sage mal: Sport-Intelligenz. Wir merken, wenn jemand Leistungen bringt, die nicht sein können. Wir sind nicht überrascht.

          Aber froh?

          Ja. Wie oft habe ich mit diesem Gabriel Dollé telefoniert, um ihn zu fragen, ob bestimmte Medikamente okay sind oder nicht. Er hat mir nie klare Antworten gegeben zu Nasentropfen und Haarwaschmitteln. Er hat mir allerdings schriftlich gegeben, dass ich keinerlei Rechte hätte und sie alles dürften. Und jetzt stehen er und sein Präsident, Lamine Diack, Leute, die uns Athleten entmündigt haben, bald vor Gericht, weil sie Geld genommen haben. Das ist grotesk.

          Hatten Sie je davon gehört, dass man sich bei der Familie Diack freikaufen konnte von einer Doping-Sperre?

          Nichts von dem, was jetzt rauskommt, überrascht mich. Aber natürlich wusste ich nichts Konkretes. Vielleicht sollte es ein neuer Ansatz der Doping-Bekämpfung werden, dass man proaktiv Sportler in solche Zirkel einschleust, um sie zu entlarven. Mit einer Kronzeugenregelung, wie sie im neuen Anti-Doping-Gesetz fehlt, wäre man auf der sicheren Seite.

          Sie meinen, in mafiösen Strukturen bedürfe es verdeckter Ermittlungen?

          Wie im kriminellen Milieu wäre es ein Problem, solchen Athleten Schutz zu gewähren. Julia Stepanowa und ihr Mann Witalij haben Moskau verlassen, weil sie Angst hatten, nachdem sie in dem ARD-Film ausgesagt hatten. Sie leben an der Armutsgrenze, weil sie niemand unterstützt. Sie haben den Fair-Play-Preis verdient - und zwar mit einer höheren Dotierung, als Julia an Prämien gewinnen könnte, wenn sie dopte. Das wäre ein Signal: Gutes tun bringt mehr als Schlechtes tun.

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          Wie sehen Sie die Rolle von Sebastian Coe, dem neuen Präsidenten?

          Er müsste erleichtert sein. Er hat eine Superausgangslage für seine Präsidentschaft. Aus den Gerüchten, dass Korruption herrschte, ist Gewissheit geworden. Er muss demonstrieren, dass sich etwas ändert, dass es ihm und dem Verband um saubere Athleten geht.

          Ist der Zeitpunkt gekommen, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur, die Wada, ihre Arbeit grundsätzlich reformiert und Tests - wie Sie das schon lange fordern - Kontrolleuren und Analytikern aus jeweils anderen Ländern überträgt?

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