https://www.faz.net/-gu9-a8562

Zum Tode von Jörg Paffrath : Traurige Wahrheit

Scheute nicht den unbequemen Weg: Frühere Radprofi Jörg Paffrath Bild: Picture-Alliance

Vor 25 Jahren sorgte Radprofi Jörg Paffrath mit seinem Doping-Geständnis für einen Skandal. Seine Aufklärungsbemühungen brachten ihm eine lange Sperre ein. Das Schicksal des in Ungnade gefallenen Athleten offenbart die Heuchelei des Systems.

          1 Min.

          Kaum eine Geschichte des deutschen Sports erzählt so präzise von Heuchelei des Systems wie die von Jörg Paffrath. Sie beginnt mit der Lust eines Kölner Talents, die Welt des Radprofitums zu entdecken, und endet 1996 mit einem Skandal: positiv getestet.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Weil dieser so kompromisslose Rheinländer ein Jahr später frank und frei über jahrelanges Doping berichtet, über den Einsatz von 24 unterschiedlichen Substanzen, sperrt ihn der Bund Deutscher Radfahrer (BDR) lebenslang. Es ist das klassische Finale einer Individualisierung von Schuld: Der Verband hat ein schwarzes Schaf entdeckt und isoliert es, angeblich zum Wohle aller.

          Das Gegenteil steckte dahinter. In seiner Begründung für dieses gnadenlose Urteil führte der BDR nicht nur den ihm angeblich entstandenen Image-Schaden an. Er behauptete auch, Paffraths Verhalten habe bei dem „radsportlichen Nachwuchs“ den Eindruck entstehen lassen, „dass nur mit Hilfe leistungssteigernder Medikamente ein Wettkampferfolg erzielt werden könne“. Eine perfide Klage, so wahr wie zynisch, weil diese Manipulationen seit Jahrzehnten zum Programm gehörten.

          Jörg Paffrath 1989 bei den Deutschen Zeitfahr-Meisterschaften in Herford
          Jörg Paffrath 1989 bei den Deutschen Zeitfahr-Meisterschaften in Herford : Bild: Picture-Alliance

          Im BDR kursierte in den Siebzigern eine Doping-Konzeption für Kaderathleten aus der Hand des Verbandsarztes mit Dosierungsangaben, ein Pillenplan. Aber damals, am Vorabend von Jan Ullrichs Aufstieg zum Tour-de-France-Sieger, durfte das detailgetreue, auf die gesamte Profi-Szene übertragbare Geständnis nicht mal den Anschein von Allgemeingültigkeit erwecken. Obwohl Paffrath mit Blick auf Ullrichs Team Telekom nur eines verweigerte: Namen zu nennen.

          Der Lohn für diese Aufklärungsbemühung verbitterte den treuen Kölner Jung, wie ihn Wegbegleiter beschreiben, trotz einer Begnadigung 2003 sein Leben lang: Er war für „bekloppt“, für „geltungssüchtig“ erklärt worden, wurde herabgewürdigt als Radprofi und verhöhnt von jenen, die wussten, wie recht er hatte. Lügner. Alle mitschuldig an der Fortsetzung der chemischen Aufladung in ihrem Metier. Paffrath erfasste vor seinem Geständnis die Angst vor dem, was „später folgt“, vor „Krebs“. Daran ist er jetzt gestorben, mit 54 Jahren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Für einen Vordenker von Denkverboten eindeutig zu uneindeutig: Jacques Derrida

          Cancel Culture : Wer haftet für die „woke“ Identitätspolitik?

          Haben wir der französischen Theorie die Cancel Culture zu verdanken? Ganz so einfach ist es nicht. Das Problem sind ihre falschen Freunde, schreibt der Literaturwissenschaftler Stefan Kleie in diesem Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.