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Kalter Krieg im Sport : Doping-Kreuzer Scholochow

Dunkle Geschichten verbergen sich hinter dem Dreiklang aus Olympia, Russland und dem ewigen Doping-Verdacht. Bild: Reuters

Der Kampf zwischen Ost und West liefert wieder und wieder Stoff. Manches klingt wie der perfekte Plot eines Thrillers unter Kalten Kriegern und wird doch Realität – so auch ein Schiff mit einem Doping-Labor an Bord.

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          Ein Schiff sollte kommen. So erzählt es Grigorij Rodtschenkow. Die Londoner „Mail on Sunday“ hat Auszüge aus dem Buch des früheren Chefs des Moskauer Anti-Doping-Labors und heutigen Kronzeugen des amerikanischen Federal Bureau of Investigation veröffentlicht, das in wenigen Tagen erscheint.

          Das Schiff, schreibt Rodtschenkow, sollte vor der kalifornischen Küste ankern und, dank des bordeigenen Doping-Labors, dafür sorgen, dass sowjetische Sportler bei den Olympischen Spielen von Los Angeles 1984 keine Probleme bekommen mit den verfeinerten Kontrollen. Doch die Amerikaner verweigerten den Ankerplatz. Das habe das Fass zum Überlaufen gebracht: Die Sowjets hätten sich daraufhin für den Boykott der Spiele entschieden, dem sich alle Staaten des Warschauer Pakts mit Ausnahme Rumäniens anschlossen, anschließen mussten.

          Was wie der perfekte Plot eines Thrillers unter Kalten Kriegern klingt, war vier Jahre später Realität. 1989, in der Sowjetunion hatte Michail Gorbatschow Glasnost und Perestrojka gebracht, berichtete die Zeitschrift „Smena“, ein vom KGB kontrolliertes Schiff, das im Herbst 1988 während der Spiele von Seoul vor der Küste Südkoreas lag, habe ein Labor an Bord gehabt. Aus den Gründen, die nun auch Rodtschenkow nennt.

          Ein Unternehmen, das ohne die Werktätigen aus dem äußersten Westen der eigenen Herrschaftssphäre nicht möglich gewesen wäre und das mit einer feinen Prise Ironie versehen war: In Incheon ankerte der von dem VEB Elbe-Werft Boizenburg gebaute Flusskreuzer „Michail Scholochow“, benannt nach dem so umstrittenen wie linientreuen Träger des Literatur-Nobelpreises.

          Längst bekannte wie neue Details der jahrzehntelangen sportlichen Auseinandersetzung zwischen Ost und West liefern wieder und wieder Stoff: Belegen die Genese des Betrugs, erklären, warum der Sport, warum Olympia Versuchsfeld ist, zum Beispiel, wie ebenfalls die „Mail on Sunday“ gerade erst berichtete, bei den Briten vor den Olympischen Spielen 2012 in London. Doping war nie ein lokales Phänomen, nie auf eine Ideologie beschränkt.

          Und doch wird sich das globale Ausmaß der Betrugshistorie erst abschätzen lassen, sollten eines Tages die Archive der Geheimdienste, besonders die Akten in Moskau, zugänglich sein. Dort hat sich – nicht nur – in dieser Hinsicht der Wind längst gedreht. Bekannt ist nur, in groben Zügen, wie die Geschichte weiterging: hin zum russischen Staatsdoping für und in Sotschi 2014 und den anschließenden Vertuschungsversuchen. Die statistisch saubersten Spiele der olympischen Geschichte waren übrigens jene von Moskau 1980. Zahl der damals im Moskauer Labor überführten Doper: null. Lustig? Niemals. Zu groß ist das menschliche Leid, das die Doping-Kultur des Spitzensports produziert.

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