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Anti-Doping-Symposium : Die Wada will nicht wanken

  • -Aktualisiert am

Der Direktor der Rusada (Hintergrund), Juri Ganus, auf der großen Videoleinwand beim Anti-Doping-Symposium der Wada. Bild: AFP

Juri Ganus soll die Rusada zurück in die Familie der Anti-Doping-Kämpfer führen. Doch zunächst braucht es dafür wohl das Einverständnis Putins. Die Wada setzt auf Verständigung, aber nicht um jeden Preis.

          Der Mann strahlt die Ruhe eines Krisenmanagers aus. Juri Ganus braucht aber auch wirklich eine dicke Haut für seinen Job. Er muss eine unmöglich scheinende Aufgabe lösen: die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) wieder zurückführen in die Familie der Anti-Doping-Kämpfer. Dazu ist es nötig, sie vom Bock in einen Gärtner zu verwandeln: Die Rusada war eine der Schaltstellen im Doping-Vertuschungssystem, mit dem Russland jahrelang die Welt hinters Licht führte. Und das gut getarnt, gelten nationale Anti-Doping-Agenturen doch eigentlich als die Vorkämpfer für einen sauberen Sport.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Seit 31. August vergangenen Jahres ist nun Ganus Generaldirektor der Rusada. Aus einem Kreis von 700 Bewerbern sei er ausgewählt worden, sagte Alexander Schukow, der Präsident des Russischen Olympischen Komitees, anlässlich von dessen Einsetzung. Ganus hat umfangreiche Erfahrungen in der Industrie gesammelt, dazu war er Universitätsdozent in Moskau. Offensichtliche Verbindungen zur Sportbürokratie gibt es nicht. Zwei Jahre lang war der Posten des Rusada-Chefs unbesetzt gewesen. Über das Ende seiner beiden Vorgänger wird bis heute spekuliert. Sie starben innerhalb weniger Tage den Herztod. Und klar ist: Sie wussten viel.

          Nach einem guten halben Jahr Arbeit muss sich Ganus so vorkommen, als säße er in der Falle. Er hat zwar eine Reihe von Vorgaben der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), die der Rusada im November 2015 ihre Zulassung entzog, weitgehend erfüllt. Die Dachorganisation ist sehr angetan. Aber auf die beiden Kriterien, die übrig bleiben und an denen die Wiederaufnahme der Rusada nun hängt, hat er keinen Einfluss. „Das liegt außerhalb meines Zuständigkeitsbereichs“, sagte er am Mittwoch immer wieder, als er beim Wada-Symposion in Lausanne über seine Arbeit sprach.

          Nichts geht ohne das Einverständnis von Putin

          Die Wada fordert Briefe vom russischen Innenministerium und vom Russischen Olympischen Komitee, in denen sie die Ergebnisse des McLaren-Reports anerkennen. Dieser enthält Beweise dafür, dass es mindestens von 2011 bis 2015 in Russland ein Doping-Programm unter Beteiligung des Sportministeriums gegeben hat. Und dass Gastgeber Russland während der Winterspiele 2014 in Sotschi mit Hilfe des Geheimdienstes ganz Olympia angeschmiert hat. Außerdem verlangt die Wada Zugang zum Moskauer Anti-Doping-Labor und zu dort gelagerten Doping-Proben. Auch darauf hat Ganus keinen Einfluss. In Lausanne untermauerte die Wada noch einmal ihre Haltung: Sie will keine Kompromisse machen. Auch der schottische Wada-Präsident Craig Reedie, der nicht gerade den Ruf eines Hardliners genießt, erklärte, in dieser Frage werde man nicht nachgeben.

          „Die Entscheidungsträger müssen sich damit befassen“, sagte Ganus. Also die Leute ganz oben in der Politik. Nichts ginge da wohl ohne das Einverständnis des Präsidenten Wladimir Putin. Doch der Präsident, sagte Ganus, habe wichtigere Aufgaben. Er hat zum Beispiel am Dienstag seine Diplomaten aufgefordert, auf eine Änderung der Unesco-Konvention gegen Doping hinzuarbeiten, die der Wada als Basis dient – die Agentur setzt sich zur Hälfte aus der Sportbewegung, zur Hälfte aus den Staaten zusammen, die die Konvention unterzeichnet haben.

          Nach der Vorstellung der Wada aber müsste Sportfreund Putin etwas ganz anderes tun, damit das russische Doping-Testprogramm eigenständig arbeiten kann. Er müsste dafür sorgen, dass einige seiner eigenen Leute Fehler eingestehen. Ist es denkbar, dass Russland, das nie etwas zugibt, so etwas tun wird? Ganus gibt darauf keine klare Antwort. „Es ist eine Frage von Verhandlungen“, sagte er im Plenum. Und danach: „Es ist eine schwierige Situation. Aber es gibt keinen alternativen Weg. Wir verstehen, dass es hier ums Prinzip geht. Ich hoffe, der Staat wird eine angemessene Lösung finden.“ Manchmal, so gab er am Rande des Geschehens mit einem Lächeln zu, fühle er sich ein bisschen wie unter „friendly fire“.

          Operativ, so war den Schilderungen des stellvertretenden Wada-Generaldirektors Rob Koehler zu entnehmen, ist die Rusada auf einem guten Weg, vor allem mit Hilfe britischer Expertise, bei der Ausbildung der Kontrolleure auch von Finnland und Polen. Das Testprogramm läuft, allerdings müssen alle Doping-Proben im Ausland analysiert werden, da das Moskauer Labor weiterhin suspendiert ist. Auch der Zugang zu den vom Militär bewachten „geschlossenen Städten“, werde den Doping-Kontrolleuren nun meistens gewährt. Das für ein so großes Land nicht gerade üppige Budget, auf acht Millionen Euro pro Jahr verdoppelt, stamme nicht mehr vom Sportministerium, sondern vom Finanzministerium. Und es gebe sogar ein Programm, um eventuelle Whistleblower zu schützen.

          90 Prozent des Personals seien ausgetauscht, berichtete Ganus. Und alle Kontrolleure. Doch alles Weitere ist blockiert. Dabei wäre die Anerkennung der Rusada auch wichtig für die russische Rolle in der Leichtathletik und im Behindertensport. Der Leichtathletik-Weltverband und das Internationale Paralympische Komitee wollen ihre Suspendierung Russlands erst aufheben, wenn die Rusada wieder voll arbeitet. Nur das Internationale Olympische Komitee hat einen Schlussstrich unter die Affäre gezogen, ohne dass Russland sich hätte bekennen müssen.

          Nach der Überzeugung der Wada ist die Anerkennung der Vergehen der einzige Weg, das riesige Russland zu einem generellen Umdenken beim Thema Doping zu bringen. „Es wird Zeit, fortzuschreiten“, sagte Koehler. „Die Anerkennung von McLaren ist nötig, um einen Kulturwandel zu erreichen.“ Man werde sich weiter um eine Verständigung mit den russischen Behörden bemühen. „Aber nicht um diesen Preis. Das müssen sie akzeptieren.“

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