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Russischer Dopingskandal : Schmutzige Tricks der Saubermänner

Wer läuft für wen? Die Beine tragen nicht nur manipulierte Athleten, sondern auch die Hintermänner des Dopings. Bild: dpa

Bereits 2013 beschrieb Doping-Kronzeugin Julia Stepanowa in einem Brief an die Welt-Anti-Doping-Agentur das Doping-System in der russischen Leichtathletik. Seitdem ist nichts passiert. FAZ.NET dokumentiert die wichtigsten Auszüge.

          4 Min.

          Null Toleranz in Doping-Fällen: Das ist das Credo des Sports. Aber wann folgen Taten? Darauf warten auch Julia Stepanowa und ihr Mann Witali. Sie haben ausgepackt in einer ARD-Dokumentation, die Läuferin schilderte den systematischen Betrug in der russischen Leichtathletik der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Nun gelten sie im eigenen Land als Verräter, sind geflohen aus Russland, werden wahrscheinlich aus der internationalen Familie der Leichtathletik ausgeschlossen: „Wir haben beide unsere Telefone abgeschaltet“, sagt Frau Stepanowa, „wir wollten, dass man uns nicht lokalisieren kann. Selbst wenn sie (Trainer und Athleten/d. Red.) in der Öffentlichkeit sagen, dass wir Lügner und Verräter seien, wissen sie doch, dass alles stimmt, was wir sagen“. Aber wie reagiert der Sport? Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat bislang bei der früheren Läuferin und dem ehemaligen Doping-Kontrolleur nicht um die Beweise nachgefragt, die sie aus dem innersten des russischen Sports bieten. Dabei ist die Wada von der Russin informiert worden, vor zwei Jahren mit einem Brief, der der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vorliegt. Hier der wesentliche Auszug:

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          „Liebe Wada“, beginnt Julia Stepanowa ihren Brief an die oberste Autorität der Doping-Bekämpfung im Sport. Darin legt sie bereits Anfang 2013 systematisches Doping in der russischen Leichtathletik offen und bezichtigt den Leiter des Doping-Kontroll-Labors in Moskau, Gregori Rodschenkow, der Korruption. „Ich liebe das Laufen, ich liebe den Wettkampf und ich hoffe, dass meine Einlassung zum Doping (ich weiß nicht, ob Geständnis in meinem Fall das richtige Wort ist) beim Kampf gegen Doping helfen und die Leichtathletik zu einem besseren Sport machen kann“, stellt sie sich vor. „Mit 14 Jahren habe ich die Olympischen Spiele 2000 in Sydney im Fernsehen geschaut. Wenn ich russische Athleten gesehen habe, wurde ich sehr emotional. Für mich waren sie Götter oder Menschen nicht von dieser Welt. (...) Ich fühlte großen Respekt für unser Land und die Olympiateilnehmer.“

          Die Anfänge des Dopings

          Nach einer kurzen Beschreibung ihrer Karriere, die erst mit siebzehn begann, beschreibt Julia Stepanowa der Welt-Anti-Doping-Agentur, wie es mit dem Doping beginnt: „Nach drei Jahren des Trainings und der Niederlagen bat ich meinen Trainer um diese Tabletten. Er sagte, es sei zu früh für mich. (...) In meinem dritten Jahr begann ich, Ergänzungsmittel zu nehmen.“

          2005: (zum Beispiel erlaubte) Vitamine, Eisen, B12, Inosin, Vitamin C, Carnitin, Actovegin (Kalbsblutextrakt, d. Red.), Mildronat, Kaliumorotat, Glukose.

          Winter 2006/2007: (verbotenes) Testosteron (Virormon).

          Sommer 2007: (verbotenes) Oral Turinabol (12. Mai – 26. Mai, tgl.), Epo (1000 ME, 30. Mai bis 10. Juni, jeden zweiten Tag).

          Winter 2007/2008: Oral Turinabol (17. Oktober–31. Oktober, 8. Dezember–23. Dezember, jeweils täglich), Epo (1000 ME, ab. 2. Januar 15 Mal jeden zweiten Tag).

          In den folgenden Jahren: Oral Turinabol, Epo, Oxanabol, Parabolan (allesamt verbotene Stoffe).

          Geld gegen Stillschweigen

          „Je mehr ich trainierte, umso mehr Pharmazeutika brauchte mein Körper zur Leistungssteigerung. Manchmal bekam ich Muskelkrämpfe und konnte einfach nicht laufen. Manchmal wurde mein Blut sehr dick. Ich musste durch diese Probleme hindurch trainieren und dachte, alle Athleten bekämen sie. (...) Später, als ich Herrn Portugalow traf, stellte sich heraus, dass andere diese Probleme nicht bekamen und mein Trainer einfach nicht genug wusste, um sie zu vermeiden.“

          2010 droht der Läuferin offenbar eine Doping-Sperre. „Nach der russischen Meisterschaft sagte einer der Trainer, als er betrunken war, dass ich positiv getestet worden sei und sanktioniert werden würde“, schreibt sie: „Natürlich begann mein Trainer, die Leute anzurufen, von denen er die verbotenen Mittel kaufte, die Rodschenkow kannten, den Direktor des Labors, um herauszufinden, ob die Information stimmte. Diese Leute und Rodschenkow entschieden, Kasse zu machen. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie es geschah, (...) aber ich habe persönlich rund 1000 Dollar zu einem Freund von Rodschenkow gebracht, und er garantierte, dass ich mir keine Sorgen machen müsste. Am selben Tag rief Rodschenkow meinen Trainer an und erklärte, wie alles passiert sei, aber da wir Geld gezahlt hatten, wird nichts herauskommen.“

          Abnormale Blutwerte

          Winter 2010/2011, zum ersten Mal unter der Aufsicht von Sergej Portugalow: Oxastenon (5. Dezember–25. Dezember).

          „Er sagte mir, dies sei eine Kombination aus Oral Turinabol und Oxandrolon und etwa 35 Tage nachweisbar. Er sagte mir, ich solle mit einer Tablette am Tag beginnen und, falls meine Muskeln das mitmachten, auf eineinhalb Pillen erhöhen. Ich nahm Oxastenon vom 5. Dezember bis zum 25. Dezember 2010. Herr Portugalow hatte recht, eineinhalb Pillen waren zu viel für mich, meine Muskeln krampften zu sehr.“

          Zusätzlich: Testosteron (29. und 31. Dezember, 3. Januar, 6. und 10. Februar), Oxandrolon (3. Januar bis 24. Januar), Epo (2000 ME, 10. bis 13., 15., 17., 19., 21. Januar, 7. und 10. Februar).

          „Meine Blutwerte bei einer Probe im März 2011 in Frankreich waren abnormal, ich hätte damals schon bestraft werden können oder müssen. Heute verstehe ich, dass Herr Portugalow und Herr Melnikow und andere das Prinzip des Blutpasses nicht verstanden haben und die Sportler weiterhin wie üblich vorbereitet haben. Ihr Ziel war es, dass Proben zu einem bestimmten Zeitpunkt sauber waren.“

          Vorwürfe gegen IAAF-Präsidenten

          Sommer 2011: Wie Winter zuvor.

          „Jetzt schaute sich Araf (der russische Leichtathletikverband, d. Red.) unsere Blutwerte genauer an. Herr Melnikow sagte später, wirklich verstanden haben sie die Blutpässe im Frühjahr 2012.“

          „Nun erzähle ich Ihnen ein wenig über die Vorbereitung der Sportler in Russland. Normalerweise entscheiden Herr Malaskow und Herr Melnikow vor jeder Saison, wer für die großen Meisterschaften vorbereitet wird und diese Sportler dürfen gedopt bei den Landesmeisterschaften starten. Normalerweise sind das fünf oder sechs Sportler. Herr Melnikow sagte allerdings, dass es wohl nur noch drei sein würden, weil es schwieriger würde, nicht geschnappt zu werden. (...) Einige russische Sportler sagen, in Doping-Fällen von Olympiasiegern und Weltmeistern würde Geld direkt an den IAAF-Präsidenten gezahlt. So wie ich es verstehe, ist es ein großes Geschäft mit politischen Bezügen.“

          Die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) hat die Fragen dieser Zeitung vom Montag, ob und wie sie auf diesen inzwischen zwei Jahre alten Brief von Julia Stepanowa reagiert habe und warum sie anscheinend an ihren Ton- und Filmaufnahmen nicht interessiert ist, bis zum Mittwoch nicht beantwortet.

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