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Paula Radcliffe : Von Huftieren und anderen Rindviechern

Im Zwielicht: Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe sieht sich Verdächtigungen ausgesetzt Bild: dpa

Paula Radcliffe steht bei einer Anhörung im britischen Parlament am Pranger: Ein Ausschussvorsitzender bringt die britische Lauflegende in Verruf. Die Vorgehensweise ist mehr als fragwürdig. Ein Kommentar.

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          Was wird bleiben von der Doping-Anhörung des britischen Parlaments? „A herd of ungulates“ - eine Horde von Huftieren, wie der Vorsitzende des Ausschusses, Jesse Norman, Mitglied des Unterhauses, die Journalisten schimpfte. Kaum hatte er in öffentlicher Sitzung schlau gefragt, ob nicht Schulkinder beim Sieg eines britischen Läufers oder einer britischen Läuferin beim London-Marathon ein falsches Vorbild bejubelt hätten, da musste sich die gerade vom Sport zurückgetretene Paula Radcliffe fragen - und in der Tat auch von Journalisten fragen lassen - , was sie dazu sage, dass der Vorsitzende des Ausschusses für Kultur, Medien und Sport ihr Doping unterstelle.

          Denn seit 1996 hat niemand anders von den Britischen Inseln den London-Marathon gewonnen als die große Paula, noch dazu dreimal und 2003 mit dem bis heute unerreichten Weltrekord von 2:15,25 Stunden. Er habe keine Namen genannt, verteidigt sich Norman. Das war allerdings auch nicht nötig bei der Präzision, mit der er die Verdächtige beschrieb.

          Radcliffes Rechtfertigung

          In ihrer schriftlichen Erwiderung gibt sich Paula Radcliffe als die britische Spitzensportlerin zu erkennen, welche die „Sunday Times“ in ihrer Veröffentlichung über massenhaft verdächtige Blutwerte erwähnte. Dreimal sei sie weit außerhalb der Norm aktenkundig geworden, bestätigt sie, bestreitet jedoch, dass dies mit Manipulation zu tun habe.

          Hitze und Dehydrierung, ein Halbmarathon vor der Blutentnahme sowie eine Krankheit hätten die Werte beeinflusst; jedes Mal seien weitere Proben erfolgt, niemals habe sie gedopt. Möglicherweise ist dies ein Argument dafür, dass solche Daten nicht in die Öffentlichkeit gehören - jedenfalls nicht in Verbindung mit Namen.

          Mehr Cowboy als Diplomat

          Doch vor allem ist die Diskussion von London Mahnung, solche Anhörungen nicht zu Tribunalen ausarten zu lassen. Statt dem Herdentrieb der allgemeinen Empörung zu folgen, hätte Mr. Norman, MP, Vertreter der Organisation einladen können, die am Pranger steht: des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, zumal diesem neuerdings sein Parteifreund und Mitglied des Oberhauses vorsitzt, Lord Sebastian Coe.

          Es wäre auch angebracht gewesen, Wissenschaftler anzuhören wie die, die in einer angeblich von der (IAAF) unterdrückten Studie feststellten, dass rund ein Drittel der WM-Teilnehmer von Daegu 2011 Manipulationen zugab und bei der Universiade desselben Jahres in Shenzhen noch ein paar mehr. Doch statt sich mit deren Randomised-Response-Technik zu beschäftigen - einem komplexen Verfahren, das Lügen in einer Befragung mathematisch kompensiert -, haute Jesse Norman nach Paula Radcliffes Personenbeschreibung auch deren Ergebnisse raus; unerwartet und unkommentiert findet sich die Zusammenfassung auf der Website des britischen Parlaments.

          Womöglich ist der Abgeordnete mehr Cowboy als Diplomat. Denn es sieht so aus, als wollte er mit diesem Knaller die Stampede, die er ausgelöst hatte, wenn er sie schon nicht stoppen konnte, doch umleiten. Sein Vokabular jedenfalls - selbst Briten müssen „ungulates“ nachschlagen - erklärt sich mit seiner Herkunft. Aus dem Wahlkreis von „jesse4hereford“ stammen die verbreitetsten Paarhufer der Welt: Hereford-Rindviecher.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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