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Jan Ullrich : Nichts als die halbe Wahrheit

  • -Aktualisiert am

Betrug? Aber nein! Jan Ullrich spricht noch immer davon, dass er nur für Chancengleichheit sorgen wollte Bild: AFP

Jan Ullrich räumt erstmals Blutdoping ein. Für einen Betrüger hält er sich trotzdem nicht. Sein Geständnis ist völlig unzureichend. Es sorgt weder für Aufklärung noch für Hintergründe.

          Nun ist es also ausgesprochen. Das Unaussprechliche. Die Wahrheit. Nichts als die halbe Wahrheit. Oder vielleicht doch ein bisschen mehr? Jan Ullrich, der langjährige Märchenprinz des deutschen Radsports, der Gewinner der Tour de France 1997, hat im „Focus“ erstmals Blutdoping mit Hilfe des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes eingeräumt. „Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen“, sagte er. Behandlungen! Welch ein Wort in diesem Zusammenhang! Als wäre die Abnahme, Aufbereitung, Lagerung und Wiederzuführung von Eigenblut zum Zwecke des Dopings eine Art Krankenbehandlung. Als würde es die Krankenkasse zahlen.

          Bisher hatte Ullrich, inzwischen 39 Jahre alt und seit Jahren von der Öffentlichkeit zurückgezogen in der Schweiz lebend, stets mit verwinkelten Aussagen seine mögliche Verwicklung in Doping-Praktiken im Trüben gelassen, niemals hatte er ein konkretes Geständnis abgelegt, auch dann nicht, als ihn der Internationale Sportgerichtshof wegen seiner Verwicklung in den Skandal um Doping-Arzt Fuentes zu einer zweijährigen Sperre verurteilte, die am 22. August dieses Jahres ausläuft. Das ist wohl der Termin, auf den Ullrich mit seiner Medienoffensive hinarbeitet, danach dürfte er wieder Rennen fahren, bei den Jedermännern, zu ihnen zieht es ihn hin.

          Ullrichs Kasperletheater geht also weiter, und wäre das Thema nicht so ernst, dann könnte man seine Aufführungen schon lange nicht mehr ernst nehmen. Thomas Bach, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, hat Ullrichs Geständnis am Samstag als das kritisiert, was es ist: als völlig unzureichend.

          “Es ist zu wenig und viel zu spät“, sagte Bach. „Er hätte sich schon vor einigen Jahren umfassend erklären müssen. Diese Chance hat er verpasst, und selbst jetzt arbeitet er nach meinem Gefühl noch mit rhetorischen Winkelzügen. Das hilft weder ihm noch dem Radsport weiter.“

          „Ich wollte für Chancengleichheit sorgen“

          Ullrichs Lieblings-Winkelzug fehlt auch diesmal nicht. „Ich habe nichts genommen, was die anderen nicht auch genommen haben“, sagte er. „Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.“

          Das sagt jemand, der gerade zugegeben hat, sich beim spanischen Frauenarzt Fuentes Blutwechseln unterzogen zu haben, so wie man Ölwechsel macht bei seinem Auto. Es ging nicht um Doping, das ist die verquere Botschaft, es ging nur um Chancengleichheit. Bedeutet: Kinder, wenn euer Konkurrent dopt, dann dürft ihr das auch, denn einen Betrüger kann man nicht betrügen. Und so sagt das dann auch der Konkurrent.

          Viereinhalb Liter aufgearbeitetes Ullrich-Blut

          Ein Blick zurück: Ullrich und Dr.Fuentes - eine Beziehung, die bestens dokumentiert ist in einem 2219 Seiten umfassenden Bericht, den Fahnder der Abteilung Schwere und Organisierte Kriminalität des Bundeskriminalamts in anderthalbjähriger Arbeit erstellten. Angestoßen hatte die Ermittlungen die Kriminologin Professor Britta Bannenberg, die den Radstar 2006 wegen des Betrugs zum Nachteil von Ullrichs früherem Arbeitgeber T-Mobile angezeigt hatte.

          Das BKA leistete damals erstklassige Arbeit, dokumentierte Geldflüsse von einem Konto Ullrichs nach Spanien, gebuchte Flüge nach Madrid, konnte Blutkonserven, die in Fuentes’ Praxis gefunden worden waren, per DNA-Abgleich eindeutig Ullrich zuweisen. Viereinhalb Liter aufgearbeitetes Ullrich-Blut lagerten in Madrid.

          Ohne Geständnis, ohne öffentlichen Betrugsprozess

          Nicht nur dem Heidelberger Molekularbiologen und Doping-Jäger Professor Werner Franke erscheint es noch heute als Skandal, dass die Bonner Staatsanwaltschaft 2008 einen Deal mit Ullrich machte und das Landgericht das Verfahren in der Folge gegen eine Zahlung von 250.000 Euro einstellte.

          Zwar stellte Oberstaatsanwalt Fred Apostel fest: „Ullrich hat gedopt.“ Aber seine Behörde ließ Ullrich, der im Laufe seiner Karriere viele Millionen verdient hat, billig davonkommen, ohne Geständnis, ohne einen öffentlichen Betrugsprozess, wie ihn gerade der ehemalige Gerolsteiner-Profi Stefan Schumacher in Stuttgart erlebt.

          Interessanter ist, was Ullrich nicht sagt

          Was sagt Ullrich noch aktuell? Er habe keine anderen Mittel verwendet als sein eigenes Blut. Also kein Doping mit Epo zum Beispiel, das seine ehemaligen Teamkollegen Rolf Aldag, Udo Bölts oder Eric Zabel längst gestanden haben. Die Helfer waren demnach gedopt unterwegs, der Chef aber war sauber. Interessant.

          Noch interessanter aber ist, wie immer bei Ullrich, was er nicht sagt. Wieder sorgt er für keine Aufklärung, für keine Hintergründe. Wieder bietet er keine tatkräftige Mitwirkung bei der Aufarbeitung der Doping-Ära im Radsport an. Er wolle die Vergangenheit ruhenlassen, sagt er, wolle nach vorn schauen - auch dies ein Mantra, das er im Lauf der Jahre ständig wiederholt.

          Ein neuer unsinniger Winkelzug von Ullrich

          „Geschadet“, sagt er noch, „habe ich mir selbst am meisten, was mein Ansehen in der Öffentlichkeit und mögliche gesundheitliche Folgen, die ich nicht habe, angeht.“ Auch das eine interessante Äußerung. Ullrich hat sich durch mögliche gesundheitliche Folgen, die er nicht hat, selbst geschadet. Ein neuer unsinniger Winkelzug.

          In Zukunft will Ullrich Fahrradtouren für Hobbyradler anbieten, will sich an der Basis engagieren, will sich mit Kindern beschäftigen und sie an das Radfahren heranführen. Er versteht sich, allen Ernstes, als Kämpfer für einen neuen Radsport.

          „Es ist wichtig, alles zu erzählen“

          Vielleicht sollte er, ehe er dies versucht, ehe er Kindern etwas vom Radsport erzählen will, einen gutgemeinten Ratschlag von Stefan Schumacher annehmen, der an die Adresse des Meisters von einst sagt: „Es ist wichtig, alles zu erzählen - das ist für dein Umfeld, deine Familie und dich selbst am besten. Die Leute verdienen die Wahrheit. Ich hatte zuerst auch nur gesagt, okay, ich habe Fehler gemacht, und habe gedacht, das verstehen die Leute. Aber das hat nicht gereicht.“

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