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Kritik an Nada-Tests : Aussagen des ehemaligen Doping-Kontrolleurs schlagen Wellen

Allein auf weiter Flur: Die Diskussion um die Rolle der Doping-Kontrolleure geht weiter. Bild: Wonge Bergmann

Das F.A.Z.-Interview mit dem ehemaligen Doping-Kontrolleur Sven Laforce löst eine Kontroverse aus. Forscher Perikles Simon sieht das Datenwunder der wenigen positiven Proben erklärt. Dopingkontrolleure aus dem Ausland verteidigen derweil das System.

          Die kritischen Aussagen des früheren Doping-Kontrolleurs Sven Laforce zur Sinnhaftigkeit des in Deutschland praktizierten Doping-Kontrollsystems haben eine kontroverse Diskussion angestoßen. „Ich kann die Aussagen von Herrn Laforce vorbehaltlos unterstreichen, das deckt sich mit meinen Erfahrungen“, sagte die Frankfurter Sportrechtsanwältin Anne Jakob. „Für mich als Rechtsanwältin stellt sich die Frage, ob die Einschränkungen gerechtfertigt sind, die so ein System mit sich bringt, wenn 0,5 Prozent der Proben mögliche Doping-Fälle produzieren. Für mich stellt sich das eher als völlig untaugliche Maßnahme dar.“

          Christoph Becker
          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Nationale Anti-Doping Agentur Nada hatte Laforces Aussagen widersprochen. Legt man ihren jüngsten Jahresbericht zu Grunde, führen von 16351 Proben allenfalls 0,27 Prozent zu Doping-Sanktionen. Angesichts von Studien, nach denen dreißig bis vierzig Prozent der befragten Sportler zu Doping-Mitteln zu greifen, wird den Nationalen Anti-Doping Agenturen seit langem vorgeworfen, nicht so effektiv wie möglich zu arbeiten. Der Sportmediziner Perikles Simon, der Co-Autor solcher Studien bei der Leichtathletik-WM und den Pan-Arabischen Spielen 2011 desselben Jahres, sieht sich durch die Aussagen des ehemaligen Doping-Kontrolleurs Sven Laforce im F.A.Z.-Interview in seiner Kritik an den Kontrollen und ihrer mangelnden Effektivität bestätigt. „Herr Laforce kann mit seinen Aussagen das ,Datenwunder‘ erklären, mit dem ich die Nada seit Jahren konfrontiert habe, wie den Umstand, dass Trainingskontrollen weniger effektiv sind als solche im Wettkampf (einschließlich Strafen für verpasste Tests)“, schreibt der Professor aus Mainz in einer E-Mail an die F.A.Z.. „Dies erklärt auch, warum die Nada niedrigere Quoten aufweist als die Verbände.“

          Rechtsanwältin Jakob sagt, es würden zu selten die richtigen Analyseverfahren angewandt: „Sinnvolle Verfahren wie die IRMS sind schlicht zu teuer.“ 2017 wurden laut Jahresbericht der Nada 41 Proben, 0,25 Prozent, mittels der teuren Isotopenverhältnis-Massenspektrometrie (IRMS) analysiert – Ausdruck auch der Unterfinanzierung der Nada.

          Simon hofft, dass weitere Kontrolleure dem Beispiel Laforces folgten und von ihren Erfahrungen berichteten. Die Aussagen deckten sich mit dem, was ihm ehemalige Athleten erklärt hätten. „Wenn weitere Kontrolleure auspacken“, sagt Simon, „wäre dies der Durchbruch, auf den ich so lange gewartet habe.“ Dem Bundesinnenministerium wirft der Wissenschaftler vor, die Nada mit Millionenbeträgen zu fördern, aber keine Erklärung für deren Wirkungslosigkeit einzufordern oder Abhilfe zu schaffen. Man müsse fragen, warum es nie den Wunsch gegeben habe, die Daten zu erklären, schreibt Simon. Man müsse fragen, wie „wir es in Deutschland jahrzehntelang geschafft haben, die niedrigsten Doping-Quoten weltweit zu fabrizieren“. Er schreibt: „Das Problem der lediglich drangsalierenden, aber komplett ineffektiven Trainingskontrollen geht recht sicher von der Nada selbst aus. Das merke nicht nur ich bei Betrachtung der Daten, sondern das merken auch Athleten, die sich mit Kontrolleuren unterhalten.“

          Frust und Enttäuschung

          Thomas Moschner, angestellter Doping-Kontrolleur beim schwedischen Unternehmen IDTM und Ausbilder von Kontrolleuren, verteidigte das Kontrollsystem. „Wenn wir Hinweise geben, reagiert die Nada“, sagt Moschner im Gespräch mit dieser Zeitung. „Wenn wir mitteilen, dass wir vor der verschlossenen Tür standen und niemand geöffnet habe, obwohl drinnen Musik zu hören war, findet sich das häufig in einem Kontrollauftrag wenige Tage später wieder. Und hat, einen Fall habe ich selbst miterlebt, zu Sperren geführt.“ Frust und Enttäuschung gehörten zum Alltag eines Kontrolleurs, da man üblicherweise nichts von Erfolg oder Misserfolg seiner Arbeit erfahre. Er kenne Fälle, in denen der Kontrolleur fünf Mal einen zu testenden Athleten nicht angetroffen habe.

          Es sei nicht empfehlenswert, ein und denselben Kontrolleur mehrmals zu einem Kandidaten zu schicken, der schwer zu erreichen sei. „Der Kontrolleur soll ja keine Aggression entwickeln“, sagt Moschner. Rechtsanwältin Jakob, die 2009 und 2011 das Kontroll-Management bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften leitete und von 2007 bis 2012 Mitglied der juristischen Kommission der Nada war, hatte sich 2012 mit einer gemeinsam mit IDTM gegründeten Firma erfolglos um eine Kontrollausschreibung der Nada beworben. Sie sagt, für Firma und Kontrolleur sei es von finanziellem Interesse, dass der Athlet angetroffen wird. „Mit dem Dienstleister vereinbart die Nada einen Festpreis. Mit dem Budget muss das Jahr bestritten werden. Die Anzahl der Versuche, bis eine Probe genommen ist, hat keinen Einfluss auf das Budget. Das Kostenrisiko trägt das Unternehmen.“

          Für sie stellt sich das Verhältnis zwischen Athlet und Kontrolleur als nicht von Aggressionen geprägt dar: „Die Nada erteilt einen Kontrollauftrag für den Dienstleister: Die Kontrolleure müssen den erfüllen, neben ihrer regulären Arbeit. Das heißt: bei möglichst geringem Zeitaufwand. Das führt dazu, dass häufig derselbe Kontrolleur in derselben Region dieselben Athleten kontrolliert. Diese Mängel des Systems hatte ich lange erkannt und Alternativen angeboten.“ Ihr sei schon berichtet worden, sagt Jakob, dass Kontrolleur und Sportler sich so nahe standen, dass sie gemeinsam mit dem Hund Gassi gingen.

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