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Ines Geipel über Doping-Opfer : Die Kernlüge des Sports

Ines Geipel kämpft für Doping-Opfer. Bild: Picture-Alliance

Das „Einheitsmanna“ ist für die von Krankheit gezeichneten Doping-Opfer bitter, sagt die Schriftstellerin Ines Geipel im FAZ.NET-Interview. Wo bleibt die Hilfe?

          5 Min.

          Frau Geipel, Sportfunktionäre und Politiker behaupten, die Vereinigung im Sport sei gut gelungen. Sehen Sie das auch so?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es ist uns nicht gelungen, die schweren Hypotheken des Spitzensports der vergangenen 50 Jahre zur Kenntnis zu nehmen. Die Kinder, die damals begeistert zum Sport gingen, sind heute 50, 60 Jahre alt und haben schreckliche Doping-Folgen zu tragen, leiden an schwersten physischen und psychischen Krankheiten. Viele sterben. Das Einheitsmanna ist deshalb für diejenigen, die im Spitzensport der DDR zu Opfern gemacht wurden, ausgesprochen bitter. In den 25 Jahren nach der Einheitsverkündung ist es der Gesellschaft nicht gelungen, die Kernlüge des Spitzensports in den Blick zu nehmen.

          Bei der Kernlüge denken Sie an die Erfolge durch pharmakologische und ideologische Manipulation?

          Ja. Aufschlussreich ist ja, dass Deutschland hier deutlich früher vereint war als im Politischen, spätestens seit den Sommerspielen in München 1972. Sportfunktionäre aus Ost und West saßen zusammen in der Sauna und besprachen sich in Sachen Chemie. Es gab Konsens, was zu machen sei, wobei das staatliche Zwangssystem im Osten weiterging. Aber den Preis haben allein die Athleten bezahlt. Sie sind heute mit ihren Schäden allein.

          Weil diese vereinte Doping-Mentalität die Einheit von 1990 überstanden hat?

          Vor zwei Jahren gab es die Studie zum West-Doping, die das detailreich belegt hat. Auch das DDR-Staats-Doping ist längst aktenkundig. Es gibt also kein Informationsdezifit. Aber die alten, Doping-sozialisierten Netzwerke sind noch immer da und aktiv. Dass sie sich derart halten konnten, hat vor allem auch mit Defiziten in der Gesellschaft zu tun, das heißt, wie wir uns den Sport erzählen. Wir kommen aus dem Glaubensnarrativ nicht in die Realität. Da haben Sportopfer keine Chance, ihre Rechte durchzusetzen.

          Sie meinen, die öffentliche Auseinandersetzung mit der Bewältigung von Missbrauch im Sport störe das Bild von seiner heilen Welt oder zumindest das Geschäft?

          Wir sind grade in einem neuen Szenario. Deutschland will Olympia, die Sommerspiele 2024. Das ist für den deutschen Spitzensport enorm wichtig. Es wäre doch allen sicher wohler dabei, wenn wir nun mal gründlich nach hinten schauen würden. Es ist doch niemandem mehr erklärbar, warum es nicht gelingt, die Opfer angemessen zu entschädigen, sie in die Mitte der Gesellschaft zu nehmen und nachhaltige Strukturen aufzubauen, damit Athleten, die aus einem rüden Sportsystem herausfallen, in irgendeiner Weise aufgefangen werden. Dass wir an diesem Punkt nicht weiterkommen, hat vordergründig nichts mit Geld zu tun.

          Sondern?

          Wir haben im Westen ein Doping-Problem. Im Osten haben wir das Doping-Problem und die alte Ideologie dazu. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) braucht die Wählerschaft im Osten. Das ist harte Arbeit für den DOSB-Präsidenten Alfons Hörmann, der ein harsches Erbe mit Altlasten regeln muss, das sein Vorgänger Thomas Bach, nun IOC-Chef, völlig ausgesessen hat.

          Doping-Opfer Cornelia Reichhelm

          Der organisierte Sport verweist auf den 3. Oktober 2000, weil mit diesem Datum die Verjährung der Verbrechen einsetzte, die Trainer und Ärzte an jungen Athleten begangen haben...

          ... von diesem Moment an konnten die alten Netzwerke im Osten still und leise reüssieren. An den Stasi-Organigrammen etwa in Thüringen oder in Brandenburg lässt sich das gut erkennen: Da springt ein Belasteter in ein Sportinstitut und taucht dann irgendwann wieder in einem Landessportbund oder einem Fachverband auf. Der Westen hat das nie kapiert, wie strategisch linke Altnetzwerker vorgehen. Für die Opfer ist das brutal, weil sie erneut zerrieben und zersetzt werden.

          Sie denken unter anderem an den Landessportbund Thüringen, dessen Geschäftsführer Stasi-Spitzel war und der als DDR-Nomenklaturkader im neuen System bestens reüssieren konnte?

          Unter der Diktatur schwach gewesen zu sein ist das eine. Aber mit 1989 jegliche Aufarbeitung verhindert zu haben, die Opfer verhöhnt und ein altes Netz neu etabliert zu haben das andere. Es ist das Gesamtpaket bei Rolf Beilschmidt, was ihn als Sportfunktionär untragbar macht. Selbst jetzt, nach so viel Kritik und Öffentlichkeit, gibt es bei ihm keinerlei Einsicht, sondern nur ein Weiterso. In der Zwischenzeit laufen in unserer Beratungsstelle aber die Fälle heiß. Schlimmste Schicksale, wie sie jüngst im „Spiegel“ geschildert wurden.

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