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Im Gespräch: Physiologe Horst Pagel : „Es gibt viele neue Präparate – und sie sind nicht nachweisbar“

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Schöne Bescherung zum Fest - für Doper: denn nicht nachweisbares Wachstumhormon könnte es demnächst auch als Tablette geben, zum simplen Einwerfen Bild: ddp

Der international anerkannte Epo-Experte Horst Pagel forscht an der Universität Lübeck. Er ist begeisterter Radsportler und seit Jahren Anti-Doping-Beauftragter des Radsport-Verbandes Schleswig-Holstein und warnt im F.A.Z.-Gespräch vor neuen, gefährlichen und billigen Dopingpräparaten.

          Der international anerkannte Epo-Experte Horst Pagel forscht an der Universität Lübeck. Er ist begeisterter Radsportler und seit Jahren Anti-Doping-Beauftragter des Radsport-Verbandes Schleswig-Holstein- und warnt im FAZ-Gespräch vor neuen, gefährlichen und billigen Dopingpräparaten.

          Gibt es gefährliche Produkte, die nach Ihrer Erkenntnis im Sport für Doping missbraucht werden, den Fahndern aber weitgehend unbekannt sind?

          Aktuell wurden in unserem Labor ein über das Internet beschafftes Wachstumshormonpräparat (hGH) und ein insulinähnlicher Wachstumsfaktor (IGF-1) aus chinesischer Produktion analysiert. Sie waren hochrein, die angegebenen Konzentrationen stimmten, und sie kosteten nur ein Zehntel dessen, was sie als zugelassene Medikamente gekostet hätten. Der Nachweis für das gentechnisch hergestellte hGH funktioniert theoretisch innerhalb von rund 24 Stunden nach Applikation. Es gibt aber bis heute keine positive Probe auf hGH.

          Liegt das auch an der Fähigkeit von Athleten und ihren Hintermännern, schnell auf eine mögliche Entdeckung zu reagieren?

          Wahrscheinlich. Aus osteuropäischen Ländern kommt in letzter Zeit wieder vermehrt hGH auf den Markt, das aus Hirnanhangdrüsen von Leichen gewonnen wird. Das ist durch die Analytik nicht nachweisbar, aber die Gefahr der Erkrankung an HIV, Hepatitis, Creutzfeldt-Jakob (CJK) oder anderen Krankheiten ist enorm. Es sei hier nur an die über 100 Fälle von an CJK gestorbenen Kindern in Frankreich erinnert, die in den 1980er Jahren mit hGH behandelt wurden. Damals musste man auf das Leichen-Wachstumshormon zurückgreifen, weil das gentechnisch hergestellte hGH erst seit Ende der 80er Jahre zur Verfügung stand.

          Wann werden hGH oder IGF-1 ärztlich verordnet?

          Es gibt nur eine Indikation: der Kleinwuchs von Kindern. Die Häufigkeit dieser Erkrankung beiträgt 1–2 Fälle pro 10.000 Geburten, ist also erfreulicherweise äußerst gering. Es ist aber erstaunlich, wie viele Firmen, besonders in China, diese Präparate herstellen.

          Die Europäer sind sauber?

          Nein, auch seriöse Pharmaunternehmen in Europa forschen an Nachfolge-Präparaten mit anderen Wirkmechanismen. Ich will jetzt nicht die verschiedenen Bezeichnungen aufführen, aber sie werden in den einschlägigen Foren unter Sportlern bereits intensiv diskutiert. Es sind Präparate, die die körpereigene Produktion von hGH und IGF-1 stimulieren. Darunter sind auch Entwicklungen, die als Nasenspray oder in Tablettenform auf den Markt kommen sollen. Das wäre sehr praktisch für den Missbrauch, denn dann fällt die lästige Spritze weg, die bisher bei allen Präparaten notwendig war. Und alle diese neuen Präparate haben eines gemeinsam: Sie sind nicht nachweisbar.

          Immer neue Varianten des Medikaments Erythropoietin (Epo) werden im Sport als Blutdopingmittel eingesetzt. Ist es möglich, wenigstens dieses Problem in den Griff zu bekommen?

          Es gibt Varianten, wie Dynepo, für die es bis heute kein akkreditiertes, das heißt gerichtsfestes Nachweisverfahren gibt. Dynepo wird Ende des Jahres vom Markt genommen; folglich wird wohl niemand mehr Geld in ein justitiables Nachweisverfahren stecken. Derzeit decken sich daher potentielle Doper mit Dynepo ein. Es soll sogar Spezialisten geben, die es mit chemischen Zusätzen versetzen, um es dadurch länger haltbar zu machen. Daneben gibt es eine zunehmende Zahl von sogenannten Epo-Mimetika und -Biosimilars, die ähnlich wirken, für die es aber ebenfalls kein Nachweisverfahren gibt. Und es gibt in vielen Ländern genügend Garagenlabore, die sie illegal herstellen.

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