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Im Gespräch: Doping-Experte Sörgel : „Das ist ungewöhnlich, ja geradezu dämlich“

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Experte für Doping: Pharmakologe und Leiter des Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung (IBMP) Fritz Sörgel Bild: dpa

Die Doping-Verdächtigen in Amerika und Jamaika erschüttern die Leichtathletik. Der Pharmakologe Fritz Sörgel spricht im Interview über Bauernopfer, Wagenladungen von Medikamenten und die Lippenbekenntnisse der Verbände.

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          Tyson Gay, Asafa Powell, Sherone Simpson positiv getestet, noch dazu drei weitere Jamaikaner - kommen solche Nachrichten für Sie noch überraschend?

          Nein, wirklich nicht. Ich habe witzigerweise vor einer Woche einen Vortrag gehalten über Doping. Mit Fotos und Bestenlisten vom Sprint. Da waren Gay und Powell noch unbelastet. Bei fast allen anderen hatte ich ein Kreuzchen gemacht: überführt oder geständig. Und geendet habe ich mit den Worten: Mal sehen, ob es in zehn Jahren überhaupt noch einen gibt, der kreuzchenfrei ist. 48 Stunden später kam die Nachricht von den positiven Tests. Aber Jamaika ist ein Land, das keinen hohen technologischen Stand und auch keine besonders gut ausgebildeten Sportärzte hat, deshalb sind die verwendeten Substanzen eher primitiv. 2009 vor der WM waren es Methylxhantine. Diesmal, bei Oxilofrin, möglicherweise Methyl-Hexanamin, das früher in Nahrungsergänzungsmitteln in den Vereinigten Staaten sehr beliebt war, inzwischen aber verboten ist. Im Internethandel ist es leicht zu bekommen. Dass die „Beratung“ in Jamaika nicht optimal ist, sieht man auch am Beispiel von Olympiasiegerin Veronica Campbell-Brown, die im Juni mit dem leicht nachweisbaren Diuretikum Furosemid erwischt worden ist, das als Verschleierungsmittel eingenommen wird.

          Überraschend ist aber das enge Zeitfenster, in dem die insgesamt sechs Fälle publik geworden sind. Halten Sie das für Zufall?

          Merkwürdig ist das schon, aber ich kann da im Moment keinen Zusammenhang erkennen, weil es sich um unterschiedliche Behörden, unterschiedliche Labore und unterschiedliche Zeitpunkte handelt. Und der Internationale Leichtathletik-Verband hat ganz sicher kein Interesse, dass so etwas kurz vor der WM bekannt wird.

          Aber die IAAF stellt das Ganze doch als Beweis für ihren wunderbar funktionierenden Anti-Doping-Kampf dar.

          Das ist so eine Standardformulierung, die in keiner Presseerklärung fehlen darf. Die kommt wie aus der Pistole geschossen. Es gehört doch zum Standardrepertoire von Funktionären und Politikern, aus einer schlechten Nachricht eine gute zu machen. Aber man will ja gar nicht wirklich, dass jemand erwischt wird.

          Gibt es Sportarten, die von Ihren Anforderungen her besonders dopinganfällig sind?

          In erster Linie alles, was eine hohe Belastung über mehrere Stunden erfordert: Ski, Leichtathletik, Radsport, auch Triathlon ist ein Kandidat. Wir können doch dem Tour-Spitzenreiter Christopher Froome nicht vorhalten, wie „unglaublich“ schnell er den Berg rauffährt, und Leute, die über acht bis zehn Stunden Außergewöhnliches leisten, nicht in Frage stellen. Aber bei uns hat man sich angewöhnt, auf den Radsport einzuschlagen, auch wenn bei uns bis vor kurzem in einer Umfrage noch 30 bis 35 Prozent zu Jan Ullrich gehalten haben. In Amerika ist eher die Leichtathletik in dieser Rolle. Dort sprechen anerkannte Kommentatoren von ihrem bevorstehenden Tod in den Vereinigten Staaten. Dabei hat Baseball, der Lieblingssport der Amerikaner, einen in Deutschland nicht so bekannten, aber mit der Leichtathletik vergleichbar großen Doping-Skandal, in den Spitzenathleten verwickelt sind.

          Es gibt Stimmen, die die Freigabe von Stimulanzien fordern und nur noch die harten Sachen (Steroide, Wachstumshormon, Epo) sanktionieren wollen. Was sagen Sie denen?

          Um Himmels willen - nein! Gehirnstimulanzien wirken ohne Zweifel im Sport, machen aber allesamt über kurz oder lang abhängig. Wer es einmal schätzen gelernt hat, wird es nicht nur gezielt zum Wettkampf einsetzen, wie so eine unglaubliche Forderung ja nur gemeint sein kann. Man muss sich fragen, warum jetzt ein Ephedrin-Präparat wie Oxilofrin in den Fokus rückt. Dass so eine leicht nachzuweisende Substanz verwendet wird, ist ungewöhnlich, ja geradezu dämlich.

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