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Doping-Kommentar : Das IOC hat die Chance längst vertan

Wer wird Nachfolger von Craig Reedie als Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur? Bild: Reuters

Der systematische russische Betrug kann nicht mehr konsequent und angemessen bestraft werden. Ob es dennoch noch Hoffnung auf eine echte Veränderung im Anti-Doping-Kampf gibt, wird sich in diesem Jahr entscheiden.

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          In zwei Wochen, am 7. Februar, steht ein kleines Jubiläum an: Fünf Jahre ist die Eröffnung der Winterspiele von Sotschi dann her. Zum Vorlauf der Betrugsgeschichte von Russlands Spielen gehören die Hinweise auf Manipulation und Ungereimtheiten im Moskauer Anti-Doping-Labor, die bei Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und Internationalem Olympischen Komitee eingegangen waren, bevor die Spiele von Putin überhaupt eröffnet wurden.

          Angesichts dieser Historie des eigenen institutionellen Versagens ist die Frage, ob die Wada die russische Anti-Doping-Agentur Rusada hätte sanktionieren müssen, weil die Russen den Wada-Ermittlern nicht fristgerecht bis Jahresende 2018 die forensischen Daten aus dem inkriminierten Labor überlassen hatten, von nachrangiger Bedeutung. Dass es nicht so schnell ging, wie es die Wada-Ermittler sich gewünscht hatten, dass es dafür Gründe gab, hat deren Chef Günter Younger zu Wochenbeginn im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erläutert. Die Gründe für die Verzögerungen ließ Younger plausibel erscheinen, es ging um das Misstrauen staatlicher Stellen in einem international üblichen Maß und in Teilen veraltetes Equipment.

          Younger hat großes Interesse daran, endlich mit dem substantiellen Teil seiner Ermittlungen zum Betrugssystem beginnen zu können. Wie schlimm es in Sachen Anti-Doping steht, belegt seine Aussage, die Thematik sei „zu komplex für die meisten internationalen Sportverbände“, weshalb Youngers Team nun möglichst starke, möglichst viele Einzelfälle ausermittelt und die Ergebnisse dieser Ermittlungen dann den Verbänden vorlegt. Das beste Szenario: Sperren und Strafen gegen möglichst viele einzelne Sportler, die in der Vorbereitung ihrer Siege von der Protektion des Systems profitierten.

          Dass selbst das allenfalls leidlich zufriedenstellend funktioniert, zeigt der Bericht der Nachrichtenagentur AP vom Dienstag. Der zum Präsidenten des russischen Bobverbandes aufgestiegene Alexander Subkow, der wegen seiner Doping-Sperre sein Amt ruhen lassen muss, hat vor Gericht einen weiteren Erfolg erzielt. Auch in zweiter Instanz hat ihm ein Moskauer Gericht bestätigt, dass er berechtigt ist, sich in Russland weiter Olympiasieger zu nennen.

          Die Chance, den systematischen russischen Betrug konsequent und angemessen zu bestrafen, ist längst vertan. Sie lag beim IOC, und das IOC wollte sie nicht nutzen. Für ein paar Tage im vergangenen Februar wurde behauptet, Russland sei ausgeschlossen von den Olympischen Spielen von Pyeongchang. Am Ende sangen die Eishockeyspieler des „ausgeschlossenen“ Landes ihre Nationalhymne. Sotschi, fünf Jahre danach: überforderte Sportverbände und die abschließende Individualisierung des systematischen Betrugs. Ob es Hoffnung auf eine echte Veränderung gibt, wird sich im Laufe des Jahres zeigen, wenn klar ist, wer an Stelle des IOC-Manns Craig Reedie an die Spitze der Wada rückt. Einstweilen gilt weiter: Ein staatlich aufgezogenes Doping-Programm hat immenses Erfolgspotential. Das ist das Vermächtnis von Sotschi.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

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