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Russische Sportler : Leichtathletik als Schrittmacher

Zumindest einige russische Leichtathleten sind mit einem Bein wieder zurück im internationalen Sport Bild: dpa

Mit dem Mut der Verzweiflung stemmt sich die IAAF gegen den Niedergang der Leichtathletik durch den Dopingmissbrauch und will erste russische Athleten resozialisieren. Damit ist der Verband anderen Disziplinen weit voraus.

          Wieder einmal scheinen die Leichtathleten dem übrigen Sport voraus zu sein. Während insbesondere die Wintersport-Verbände wie in Tiefschnee durch die Konsequenzen aus dem McLaren-Report stapfen, hier ein paar Russen sperren, dort ein paar Russen laufen lassen und ansonsten räsonnieren, dass unschuldige Russen vor Strafe zu schützen seien, beginnt der Weltverband IAAF mit der Wiedereingliederung von Läufern, Springern und Werfern.

          Rund sechzig Russinnen und Russen sind eingeladen, in der kommenden Saison zurückzukehren in den internationalen Wettbewerb mitsamt der Weltmeisterschaft in London. Das ist ein starkes Signal gerade fünf Monate nach dem Beginn der Olympischen Spiele von Rio, von deren Leichtathletik-Wettbewerben das russische Team wegen systematischen Dopings ausgeschlossen war.

          Die IAAF stand mehr als jeder andere Verband unter Druck. Schließlich waren nicht nur Korruption und Doping in großem Maßstab ans Licht gekommen, sondern auch deren unheilvolle Verbindung. Die Clique um Präsident und IOC-Mitglied Lamine Diack soll sich, unter anderem, dadurch bereichert haben, dass sie russischen Athleten, russischen Trainern und russischem Verband Geld dafür abpresste, dass sie Doping-Befunde verschleppte und Doping-Sperren verhinderte.

          Und alle Welt fragte sich, wie um Himmels Willen Diacks Nachfolger Sebastian Coe in all den Jahren als dessen Stellvertreter von dem Treiben aber auch gar nichts mitbekommen haben will.

          Neuerfindung der IAAF

          Coe erfand sich selbst neu und seinen Verband noch dazu; gerade hat die IAAF sich eine beispielhafte neue Verfassung verordnet. Seit Monaten kontrolliert sie drei, vier Dutzend russische Leichtathleten in eigener Verantwortung und auf eigene Kosten. Diese Konsequenz erlaubt nun den nächsten Schritt. Kandidaten, vorrangig wohl aus dem Test-Pool der IAAF, können sich unter der Adresse applications.neutralathletes@iaaf.com darum bewerben, 2017 als neutraler Athlet anzutreten.

          Zum Vorkämpfer entwickelt: Lord Sebastian Coe hat sich als IAAF-Präsident neu erfunden

          Sie müssen nachweisen, dass sie regelmäßig und glaubwürdig, also nicht von der suspendierten russischen Anti-Doping-Agentur kontrolliert wurden, dass sie nicht mit Doping-belasteten Trainern und Ärzten zusammengearbeitet haben. Und sie dürfen nicht auf der Liste des unabhängigen Ermittlers Richard McLaren stehen, auf der dieser zweihundert Leichtathleten nennt, die Teil oder Begünstigte des Doping-Systems waren.

          Unbelastete russische Leichtathleten dürfen zurückkehren in die Stadien der Welt. Der russische Verband, der wie seine Sport- und Staatsführung immer noch systematisches Doping bestreitet, bleibt mitsamt russischer Flagge und russischer Hymne ausgeschlossen. Mit dem Mut der Verzweiflung hat die Leichtathletik gegen den Verlust von Ansehen und Glaubwürdigkeit gekämpft. Immer noch ermitteln Staatsanwaltschaften. Doch im Vergleich zum übrigen Sport Olympias wirkt sie inzwischen wie ein Schrittmacher.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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