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Hans-Georg Aschenbach im Gespräch : „Doping ist ein Gesundheitskiller“

  • Aktualisiert am

Um das „Jetzt“ kümmern: Hans-Georg Aschenbach Bild: picture alliance / dpa

Hans-Georg Aschenbach war eine DDR-Skisprunglegende. Seit 1993 praktiziert Aschenbach als Arzt in Freiburg. Im F.A.Z.-Interview spricht er über Doping-Opfer im Westen und ihre Verantwortung Kindern und Jugendlichen gegenüber.

          Hans-Georg Aschenbach ist in seiner aktiven Zeit zur Skisprunglegende der damaligen DDR geworden. Der Olympiasieger von Innsbruck, Weltmeister und Sieger der Vierschanzentournee war später DDR-Mannschaftsarzt, bevor er sich im Sommer 1988 in den Westen absetzte. Seit 1993 praktiziert Aschenbach als niedergelassener Arzt in Freiburg.

          Was sagen Sie zu den aktuellen Enthüllungen über Doping-Praktiken im Westen Deutschlands?

          Lassen Sie mich vorweg sagen, um in dieser heiklen Debatte richtig verstanden zu werden und um Fehlinterpretationen vorzubeugen: Ich stehe zu meiner Doping-Vergangenheit. Ich wurde als Kind gedopt, ich habe mich während meiner internationalen Karriere verpflichtet, leistungsunterstützende Mittel einzunehmen und ich wurde nach dem enttäuschenden Abschneiden der DDR-Athleten bei der Winter-Olympiade 1988 als Mannschaftsarzt der DDR-Skispringer beauftragt, neue Doping-Pläne zu schreiben. Ich habe mich diesem Auftrag durch Flucht im Sommer 1988 entzogen, stand mit 37 Jahren vor einem bitteren Neuanfang im Westen, habe als Erster über die flächendeckende Praxis der Substitution leistungsunterstützender Mittel im Osten informiert und habe mich in den letzten 12 Monaten gleich drei Operationen als Spätfolge meines Dopings unterziehen müssen.

          Als leidgeprüfter ehemaliger Weltklasseathlet des Ostens sind Sie sicher erfreut, dass nun auch Bewegung in die Aufarbeitung im Westen kommt.

          Sind dieser Medienhype und die politischen Reaktionen darauf tatsächlich Aufarbeitung oder eher ein Rückfall in den Kalten Krieg? Sprechen die betroffenen Sportler wie ich über ihre Situation, oder findet nun eine Inquisition der Vergangenheit statt? Dies ist der „Worst Case“ für den deutschen Sport.

          Aber Sie wollten auch an der Aufklärung im Westen mitwirken.

          Wir wissen doch alle, dass in Ost und West gedopt wurde. Fragen Sie mal die Sprinterin X, die ihren Doping-Plan für die Teilnahme an den Spielen in München 1972 erfüllen musste, was sie noch heute darüber denkt, dass eine westdeutsche Athletin mit geringerem Trainingsaufwand ihr nahezu Paroli bieten konnte. Ist das nur Talent? Waren die westdeutschen Trainer um vieles besser? Ich war in der medizinischen Kommission des Internationalen Skiverbandes. Dort ging es nur um wechselseitiges Ausspähen der Leistungssteigerung, das internationale Konkurrieren hatte stets mehre Facetten.

          Was verstehen Sie unter Aufarbeitung?

          Dass betroffene Athleten des Westens - so wie ich aus dem Osten - über ihre Situation berichten. Unter diesem Gesichtspunkt habe ich mit ehemaligen westdeutschen Aktiven, mit Patienten von heute, gesprochen. Ich habe erfahren, dass es Doping-Nester im Westen gab. Aber ich bin rechtlich gezwungen und habe es medizinisch zu respektieren, wenn diese Athleten im Alter jenseits von 60 Jahren sich bei Aussagen und juristisch nicht leicht zu belegenden Behauptungen dem zu erwartenden Medienhype gesundheitlich nicht gewachsen fühlen. Das werden einige im Osten nicht gerne hören, aber ich bin zuallererst Mediziner und nicht Sportpolitiker. Natürlich wird so mancher Athlet oder Trainer des Ostens, der ausgerechnet durch Stasi-Akten geoutet und an den Pranger gestellt wurde, jetzt eine innere Genugtuung verspüren. Das müssen westdeutsche Betroffene aushalten. Ich habe für mich meinen persönlichen Weg der Aufarbeitung gefunden, habe ein Buch geschrieben, habe Interviews gegeben, und habe mich selbst Fragen, die unter die Gürtellinie gingen, gestellt.

          Aschenbach 1974 bei der Ski-WM in Falun

          Sind die Reaktionen auf die Veröffentlichung der Studie auch Wahlkampfgetöse?

          Ja. Man müsste sich um das „Jetzt“ kümmern, wenn doch selbst Kinder und Jugendliche nicht nur in Fitnessstudios schon Nahrungsergänzungsmittel einnehmen und sich im Internet über medikamentöses Muskelwachstum informieren. Stattdessen werden alte Wunden geleckt, der DOSB wird sagen, er habe an der Aufklärung mitgewirkt. Am Ende steht die schon lange existierende Erkenntnis (Anmerkung d. Redaktion: ironischer Unterton), wir haben in Ost und West gedopt, und der institutionalisierte Sport hat es aufgeklärt. Aber die, die es wirklich betrifft, die wie ich unter ihrer Doping-Vergangenheit leiden müssen, werden noch mehr verstummen. Gerade sie könnten aber eine personalisierte Warnung an aktuelle Sportler und Sportlerinnen ausgeben, denn das Hauptproblem ist aus meiner Sicht nicht der Betrug, sondern die Schädigung der Gesundheit. Leider ist der Begriff Doping zu einem dem Kavaliersdelikt ähnlichem Begriff in der öffentlichen Wahrnehmung verkümmert. Doping ist aber erheblich mehr, es ist ein Gesundheitskiller. Und er hat mittlerweile den Breitensport erfasst.

          Wie könnte man das ändern?

          Ich habe mich vor mehr als einem Jahr an DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach gewandt, er möchte sich stark machen für ein Anti-Doping-Gesetz und diese Anregung an den Sportausschuss des Bundestages weiter geben. Die Antwort seines Generalsekretärs Vesper war ausweichend. In Frankreich sieht man das anders. Nur ein Gesetz hat meiner Ansicht nach mit Sanktionsandrohungen wie Gefängnis die Präventivkraft, um den Sumpf wenigstens national trockenzulegen und zu einer Bewusstseinsänderung zu gelangen. Deutschland könnte international damit in die Offensive gehen, wie es in anderen Feldern auch tut. Ich bin jedenfalls froh, dass wenigstens das Land Baden-Württemberg mit seinen breiten Sportbewegungen eine Initiative für ein nationales Anti-Doping-Gesetz in den Bundesrat einbringt. Und ich hoffe inständig, dass dem auch die neuen Bundesländer zustimmen, um dem latenten Vorwurf seit der Wiedervereinigung vorzubeugen, im Osten sei man nachsichtiger oder empfänglicher für Doping.

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