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Hans-Georg Aschenbach : „Ich hier, und im Westfernsehen lief Miami Vice“

Damals, in Innsbruck: Aschenbach (m.) gewinnt vor Danneberg und Schnabl 1976 Olympiagold Bild: AP

Er war erst Olympiasieger, dann DDR-Sportarzt. Und er wollte den Dopingplan nicht umsetzen. 23 Jahre nach seiner Flucht aus der DDR ist Dr. Hans-Georg Aschenbach zurück in seiner Heimat Suhl. Als Verräter, Lügner, verlorener Sohn?

          Der Mann auf dem Podium kämpft. Mit seinem Auftritt hier, mit den Vorwürfen, die ihn treffen könnten. Mit den Menschen, die auf ihn warten. Die Leute im Saal des Congresscentrums kämpfen auch. Mancher mit seiner Rolle in diesem „Simson“-Saal, benannt nach der stolzen Suhler Motorrollermarke, die nur ein gutes Jahrzehnt die DDR überlebt hat. Die meisten aber kämpfen mit ihrer Einstellung zu dem Mann auf dem Podium.

          Aschenbach ist zurück in Suhl. Dr. Hans-Georg Aschenbach (kleines Foto), zweimaliger Weltmeister im Skispringen 1974, Sieger des Springens von der Normalschanze bei den Olympischen Spielen von Innsbruck 1976, damals noch ohne Doktortitel. Als er den hat, nach dem Studium in Greifswald, wird er Oberst der Nationalen Volksarmee und Sportarzt. In den späten achtziger Jahren ist er als „Disziplinverantwortlicher Sprunglauf“ zuständig für die Konzeption „unterstützender Mittel“, sprich: Doping. Aschenbach will diese Verantwortung nicht tragen, entzieht sich durch Flucht. Am 27. August 1988 bleibt er nach dem Hinterzartener Mattenspringen im Schwarzwald. Es folgen die Anstellung bei der Sportmedizin der Freiburger Universität und ein Artikel in der „Bild“-Zeitung im Sommer 1989, in dem er von den Dopingpraktiken im erfolgssüchtigen DDR-Sportsystem erzählt. Die „Junge Welt“, Zentralorgan der „Freien Deutschen Jugend“ in der DDR, die rund 13 Monate später der Geschichte angehören wird, titelte damals: „Erst der Verrat, jetzt die Lüge“. Jetzt, 22 Jahre nach der Enthüllung, 23 nach der Flucht, ist Aschenbach zurück in Suhl. Als was? Als Verräter? Als Lügner? Als verlorener Sohn?

          Zwanzig Minuten bevor es losgeht, ist der Saal voll. 400 Sitzplätze sind besetzt. Wer jetzt kommt, muss stehen. Es sind rund hundert Menschen ohne Stuhl, als Aschenbach auf die Bühne kommt. Er ist nicht allein. Neben ihm sitzt Claus Tuchscherer, Mannschaftskamerad in Innsbruck, Fünfter der Nordischen Kombination am 2. Februar 1976 und Flüchtling am Tag darauf. Tuchscherer setzt sich ab, schon im nächsten Winter springt er für Österreich bei der Vierschanzentournee, zusammen mit Toni Innauer. Der sitzt nun neben Tuchscherer, als dritter Teilnehmer der Runde „Sportverräter - Motive und Hintergründe für die Republikflucht von DDR-Spitzensportlern“, organisiert von der Friedrich-Naumann-Stiftung.

          Innauer wurde besiegt von Aschenbach in Innsbruck, Innauer wurde betrogen von Aschenbach in Innsbruck, der damals diverse Anabolikakuren hinter sich hatte. Und Innauer ist Vater der Erfolge der österreichischen Springer, seit er 1993 die Verantwortung übernahm. Im April 2010 gab er den Posten auf, weil „es für mich inzwischen wichtigere Dinge gibt als die nächste Goldmedaille“, wie er in Suhl sagt. Das ist ein bemerkenswertes Zitat in einer Sportwelt, in der von der Erfolgsgier des DDR-Sports nicht zwangsläufig schlecht gesprochen wird. Innauer offenbart weitere Ansichten zu den Auswüchsen des modernen Skisports. Doch hier sitzen 500 Menschen und wollen sich ihr Bild von Aschenbach machen. Und von seiner Flucht.

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