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Gesetz-Vorschlag in Amerika : Zugriff in allen Stadien

Putin hat’s gewusst: Grigorij Rodtschenkow lässt nicht locker. Bild: Picture-Alliance

Die Amerikaner bereiten ein Gesetz vor, mit dem manipulierte Spitzensportler auch bei internationalen Wettkämpfen im Ausland verfolgt werden könnten. Die Strafen wären weitreichend.

          Der Anti-Doping-Kampf, dessen Überzeugungskraft nie besonders groß war und in den vergangenen Jahren durch den russischen Skandal weiter gelitten hat, könnte mit Hilfe der amerikanischen Justiz effektiver werden. In den Vereinigten Staaten wird ein Gesetz vorbereitet, auf dessen Grundlage Doping bei internationalen Wettkämpfen als transnationale Straftat verfolgt werden könnte. Erarbeitet wird die Initiative zu dem ersten amerikanischen Anti-Doping-Gesetz von der „Kommission über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa“, auch Helsinki-Kommission genannt, einer unabhängigen Behörde der amerikanischen Regierung.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Hintergrund der Initiative sind das vor zwei Jahren nachgewiesene Staatsdoping-System in Russland und die Idee, die (angeblich) sauberen amerikanischen Athleten vor solchen betrügerischen Machenschaften zu schützen. Das Gesetz würde Doping in den Vereinigten Staaten kriminalisieren, aber auch im Ausland bei großen Sportereignissen, an denen mindestens vier Amerikaner und Sportler aus mindestens drei Ländern am Start sind – oder wenn die amerikanische Wirtschaft betroffen wäre. Der Entwurf wird von beiden großen Parteien unterstützt, aber muss dem Senat erst vorgestellt werden, und die Chancen seiner Umsetzung sind noch nicht absehbar.

          „Durch Doping werden saubere Athleten und Sponsoren betrogen“, heißt es auf der Homepage der mit Kongress-Abgeordneten besetzten Kommission, „und es ist verbunden mit globaler Korruption. Internationale Sportorganisationen wie der Internationale Fußball-Verband (Fifa) und das Internationale Olympische Komitee scheinen jedoch unfähig oder nicht gewillt, es zu beschneiden“, heißt es weiter. „Während die Vereinigten Staaten gegen viele andere transnationale Verbrechen vorgehen, bleibt Doping weitgehend unbestraft.“ Würde das Gesetz beschlossen, könnten Vergehen mit maximal zehn Jahren Haft und einer Million Dollar Strafe belegt werden.

          Im Rahmen der Gesetzesvorbereitung fand am Mittwoch eine Anhörung statt, bei der auch Grigorij Rodtschenkow, der einstige Chef des Moskauer Anti-Doping-Labors, Schöpfer und spätere Enthüller des russischen Systems, indirekt zu Wort kam. Sein Anwalt Jim Walden verlas laut diverser Medienberichte eine Erklärung, in der Rodtschenkow den Vorwurf wiederholte, die Anweisungen an ihn seien „von der Spitze der russischen Föderation“ gekommen, und Wladimir Putin sei direkt beteiligt gewesen. „Putin sagte: Russland muss um jeden Preis gewinnen, und das Sportministerium führte den Befehl aus, indem es unsere Fähigkeit, PEDs (Dopingmittel, d.Red.) zu verabreichen, wesentlich verbesserte. Sich diesem Befehl zu verweigern hätte das Todesurteil bedeutet.“ Die ehemalige russische 800-Meter-Läuferin Julia Stepanowa, die mit ihren Aussagen in der ARD einen umfassenden DopingSkandal in der Leichtathletik aufgedeckt hatte, bestätigte Rodtschenkows Auffassung. Um das Doping-Problem in Russland in den Griff zu bekommen, müsse man „von oben anfangen“. Das DopingSystem existiere immer noch in ihrem Land. Auf die Frage, ob Doping in Russland aufhören würde, wenn Putin seine Haltung ändern und das aussprechen würde, sagte sie: „Ja, das glaube ich.“

          Rodtschenkow, der aus Russland in die Vereinigten Staaten geflohen ist, hält sich aus Angst vor Vergeltung an einem geheimen Ort auf. Russlands Sportministerium und das Russische Olympische Komitee haben die Existenz des Doping-Systems inzwischen eingeräumt, doch bis heute weigern sich die Behörden, zuzugeben, dass die Regierung an dem im McLaren-Report belegten System beteiligt war. Die Kommission will ihr Gesetz zu Ehren des russischen Whistleblowers „Rodtschenkow Anti-Doping Act“ nennen. Auch Vergeltung gegen Informanten soll unter Strafe gestellt werden.

          „Sie sitzen da und zählen das Geld“

          An der Anhörung am Mittwoch nahm auch Dagmar Freitag teil, die Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, die das deutsche Anti-Doping-Gesetz erläuterte. Angehört wurde außerdem die amerikanische Skeleton-Pilotin Katie Uhlaender, die sich Hoffnungen gemacht hatte, nachträglich eine Bronze-Medaille der Olympischen Spiele 2014 in Sotschi zu erhalten. Sie war mit vier Hundertstelsekunden Rückstand Vierte geworden. Die bisherige Drittplazierte, Elena Nikitina, war zunächst wegen ihrer Verwicklungen in Russlands Doping-Betrug disqualifiziert worden, aber diese Entscheidung wurde kurz vor den Winterspielen in diesem Februar in Pyeongchang vom Internationalen Sportgerichtshof (Cas) rückgängig gemacht. „Mein Moment wurde mir gestohlen“, sagte sie unter Tränen. Russland war durch nachträgliche Disqualifikationen zunächst auf Platz vier im Medaillenspiegel von Sotschi zurückgefallen. In der Folge des Cas-Urteils blieb der Gastgeber-Nation der erste Platz in der Nationenwertung der Winterspiele aber doch noch erhalten.

          Travis Tygart, Vorsitzender der Amerikanischen Anti-Doping-Agentur (Usada), appellierte auch an die Sponsoren, sich gegen Doping zu engagieren. „Sie profitieren auf dem Rücken dieser Athleten. Es würde sie nur ein paar Telefongespräche kosten, um mit dem Problem aufzuräumen und diese Situation in Ordnung zu bringen. Aber wo sind sie? Sie sitzen da und zählen das Geld.“

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