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Fußball-WM und Olympia : Russen außer Kontrolle

Getestet oder nicht? Aus dem Kader der russischen Fußballnationalelf mussten 14 Spieler der Rusada keine Probe abgeben. Bild: AFP

Dürfen russische Sportler etwa ohne Tests zur Fußball-WM und zu Olympia? Die nationale Doping-Agentur stellt eine Liste mit erstaunlichen Lücken ins Internet. Daraus ergeben sich einige Fragen.

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          In der Sache wurde nicht einmal abgestimmt. Die russische Anti-Doping-Agentur Rusada wird einstweilen nicht wieder eingegliedert in die Liste der Doping-Jäger, die ihrer Aufgabe regeltreu nachgehen, wenigstens den Statuten nach. Das russische Begehren ist am Donnerstag in Seoul abgelehnt worden – in sehr deutlicher Form. Craig Reedie, der Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), ließ die 38 Mitglieder des Gründungskomitees ohne Abstimmung entscheiden. Sie folgten der Empfehlung des „Compliance Review“-Komitees, die der Vorsitzende des Komitees, der englische Kronanwalt Jonathan Taylor, formuliert hatte: Solange Russland nicht öffentlich die Ergebnisse des McLaren-Berichts anerkennt und die noch in Moskau lagernden Doping-Proben freigibt, bleibt die Rusada suspendiert.

          Für eine Einschätzung der russischen Reaktionen auf die Entscheidung bietet sich der Blick auf Alexander Schukow an, nicht nur, weil er in Seoul anwesend war, nicht nur, weil er dort vor den Wada-Funktionären sprach. Denn Alexander Schukow ist auch Präsident des Olympischen Komitees Russlands. Er war einmal stellvertretender Ministerpräsident seines Landes, in der ersten Amtszeit des Präsidenten Wladimir Putin. Er war Vorsitzender des Aufsichtsrats des Organisationskomitees der Spiele von Sotschi, also einer der Cheforganisatoren.

          Seit sechs Jahren ist Schukow, der Abgeordnete der Partei „Einiges Russland“, stellvertretender Vorsitzender der Staatsduma, des russischen Parlaments. Und dieser Alexander Schukow sagte nun zur Entscheidung der Wada: Ein „Witz“ sei sie. Taylors Komitee habe Gründe erfunden, warum Russland ausgeschlossen bleiben müsse. Eine Anerkennung der Berichte, in denen der Kanadier Richard McLaren das staatlich unterstützte Doping-Programm im russischen Sport und den geheimdienstlich betreuten Betrug bei den Winterspielen in Sotschi 2014 belegt hatte? Nie und nimmer. „Unmöglich“ sei das, ein künstliches Hindernis politischer Natur, zitiert die Website „Insidethegames“ Schukow.

          Und nun? Wird Alexander Schukow seinen Blick alsbald nach Lausanne wenden, wo die Exekutive des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), als deren Mitglied Schukow gerade in führender Funktion die Olympischen Winterspiele von Peking 2022 vorbereitet, am 5. Dezember darüber entscheiden will, ob und wie russische Sportler an den Winterspielen im kommenden Februar in Pyeongchang teilnehmen dürfen. Nie und nimmer werde man Sportler unter neutraler Flagge starten lassen, hatte Schukow schon vergangene Woche gesagt. Dann eben ein Boykott, hatte er gedroht. Möglich, dass es so kommen wird. Reedie sagte in Seoul, das IOC hätte es sicher lieber gesehen, hätte die Wada den Bann gegen die Rusada aufgehoben. Man werde die Entscheidung der Wada berücksichtigen, ließ das IOC mitteilen, so wie alle Umstände berücksichtigt würden, „einschließlich aller Maßnahmen zur Gewährleistung gleicher Bedingungen bei den Winterspielen 2018“.

          Spielplan der Fußball-WM 2018 in Russland

          Gleiche Bedingungen? Das wird schwierig. Die Rusada, die im Zuge ihrer Rehabilitierung in diesem Jahr Doping-Kontrollen bei Sportlern vornimmt, hat vergangene Woche eine Liste der von ihr getesteten Sportler ins Internet gestellt. Zuerst hatte „ESPN“ darüber berichtet und schnell festgestellt, welche prominenten russischen Wintersportler auf der Liste fehlen, also von der Rusada gar nicht getestet wurden: Anton Schipulin beispielsweise, der zweitbeste Biathlet des vergangenen Weltcup-Winters. Auch Pawel Kulischnikow ist nicht erwähnt, Weltmeister der Eisschnelllauf-Sprinter 2016, der Sotschi wegen einer Doping-Sperre verpasst hatte – 2017 ungetestet von der Rusada. Ob und, wenn überhaupt, wie häufig von der Rusada nicht getestete Wintersportler durch internationale Verbände kontrolliert wurden, ist nicht klar. Die Internationale Biathlon-Union hat die russischen Sportler in ihren Elite-Testpool aufgenommen. Der deutsche Anwalt der Langläufer Alexander Legkow und Jewgenij Below, die ebenfalls nicht aufgeführt sind, teilte mit, Below sei seit Juli zehn Mal, Legkow 13 Mal vom Internationalen Skiverband und Swiss Anti Doping getestet worden. Zu Olympia – das hatte das IOC vor rund zwei Wochen entschieden – dürfen sie jedoch nicht.

          Die Liste der Rusada – und ihre prominenten Lücken – wirft viele weitere Fragen auf, gerade auch abseits von Eis und Schnee. Im kommenden Jahr wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ausgetragen. Nach Lage der Dinge ohne regeltreue Anti-Doping-Agentur des Ausrichterlandes. Und wie steht es mit den durch McLaren entdeckten Proben von russischen Nationalspielern im Betrugskonvolut? Von 155 verdächtigen Proben hatte McLaren gesprochen, die der Fifa überstellt worden seien. Während des Confederations Cups im Sommer hatte der Internationale Fußballverband auf eine laufende Untersuchung verwiesen. Die Wada hatte schon damals „sehnlich“ auf ein Ergebnis gewartet. Es steht offenbar weiterhin aus. Nachfragen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Stand der Dinge blieben bislang unbeantwortet.

          Wer hofft, wenigstens die aktuellen russischen Nationalspieler stünden unter einigermaßen regelmäßiger Kontrolle, wird beim Blick auf das Tätigkeitsprotokoll der Rusada enttäuscht. 25 Spieler umfasste der russische Kader für das Spiel gegen Spanien am Dienstagabend. Bis auf Roman Neustädter (Fenerbahce) und Konstantin Rausch (1. FC Köln) verdienen alle in der Premjer Liga ihr Geld. Von diesen 23 Spielern wurden nach den Angaben der Rusada neun in diesem Jahr jeweils einmal getestet. Die anderen 14 mussten gar keine Doping-Probe abgeben, jedenfalls nicht der Rusada. Wurden die Spieler getestet, dann allenfalls nach Europapokalspielen.

          Die Nada in Bonn teilte mit, sie könne die Zahlen für die ersten zehn Monate 2017 noch nicht vorlegen. 2016 habe sie, das zum Vergleich, zusätzlich zu Wettkampfkontrollen 196 Trainingskontrollen bei deutschen A-Nationalspielern genommen, zusätzlich zu den Wettkampfkontrollen. Daraus ergibt sich über einen Zeitraum von zwölf Monaten für insgesamt 38 Nationalspieler nicht eben ein permanenter Verfolgungsdruck – aber doch ein erheblicher Unterschied zu den neun Doping-Proben, die von den Spielern der russischen Mannschaft in Training und Wettkampf von der Rusada in den vergangenen zehn Monaten genommen wurden.

          Die russische Anti-Doping-Agentur darf ihre Arbeit vorerst nicht wieder aufnehmen.

          Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Fifa noch eine andere Strategie entwickelt, als ihr offensichtliches Russland-Problem auszusitzen. Auch der russische Fußball hat seinen Schukow, er heißt Witali Mutko und ist zugleich stellvertretender Ministerpräsident, Vorsitzender des russischen Fußballverbands und Vorsitzender des WM-Organisationskomitees. Mutko war Sportminister, als das Doping-System aufgezogen wurde, der Kronzeuge Gregorij Rodtschenkow, einst Leiter des Moskauer Labors, belastet ihn schwer. Während des Confederations Cups hatte er angeboten, einen Tanz aufzuführen, damit die Fragen nach Doping aufhören, und grundsätzliche Kritik am jahrelangen Lagern von Proben angebracht. Es sei „widersprüchlich“, Proben über Jahre zu lagern und dann „nach fünf oder drei Jahren“ etwas in einer Probe zu finden und zu sagen: „Das ist Doping.“ Nachkontrollen seien „kein gutes System“. „Wir investieren viel Geld im Sport“, sagte Mutko, „wir brauchen kein Doping, um irgendeine Bronzemedaille zu gewinnen, die nichts bedeutet.“

          Nach allem, was die Liste der Rusada hergibt, wird nicht allzu viel Geld und Aufwand dafür eingesetzt, Proben des aktuellen Nationalmannschaftskaders vorzuhalten. Witali Mutko dürfte das gefallen.

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