https://www.faz.net/-gu9-9gmxa

Doping-Kommentar : Der Furor des alten Kämpfers

Im Visier des Kritikers: Die Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, Ines Geipel, mit Werner Franke vor drei Jahren bei einer gemeinsamen Pressekonferenz. Bild: dpa

Werner Franke und Mitstreiter wenden sich an den Sportausschuss des Bundestags. Es geht ihnen nur vordergründig um eine Gesetzesanpassung. In Wahrheit richten sie sich gegen die Selbsthilfegruppe der Doping-Opfer.

          Muss ein Gesetz geändert werden, weil jemand erwägt, es in Anspruch zu nehmen, der vielleicht gar nicht berechtigt ist? Unter anderem der renommierte Zellbiologe und Doping-Aufklärer Werner Franke fordert in einem geharnischten Brief, der am Donnerstag den Mitgliedern des Sportausschusses im Deutschen Bundestag zugegangen ist, das Doping-Opfer-Hilfegesetz grundlegend zu verändern. Der Professor aus Heidelberg verlangt, Regelungslücken zu schließen und angeblichen Missbrauch durch Betrüger zu verhindern.

          Anlass sind Äußerungen des Zehnkampf-Olympiasiegers Christian Schenk, der in einem Interview mit der F.A.Z. Doping zugegeben hat. Schenk will die Entschädigung von 10.500 Euro für Opfer des staatlichen DDR-Doping-Systems beantragen. Er leidet an schweren Depressionen und einer bipolaren Störung – und bestreitet explizit, Opfer des DDR-Sports zu sein. Er sei zwar nicht über Nebenwirkungen der Mittel aufgeklärt worden, sagt er, behauptet aber, erst mit zwanzig Jahren und wissentlich gedopt worden zu sein. Die Anabolika seien nicht Ursache seiner Krankheit, womöglich aber Auslöser.

          Schenks angekündigter Antrag, da haben Franke und die Ko-Autoren des Briefes recht, ist grotesk. Wie kann jemand verlangen, als Doping-Opfer entschädigt zu werden, der sich gar nicht als solches versteht? Aber die Forderung der Protestschreiber ist nicht plausibler: Wie kann die Ankündigung eines solchen Antrags die Änderung eines Gesetzes begründen, das Anspruch nur jenen früheren Athleten gewährt, die geschädigt wurden, weil ihnen „ohne ihr Wissen oder gegen ihren Willen“ Doping-Substanzen verabreicht wurden? Diese Voraussetzung impliziert die Ablehnung im Fall Schenk. Es sei denn, er sage immer noch nicht die ganze Wahrheit. Oder wisse gar nicht, dass er schon als Jugendlicher unter Stoff gesetzt worden sei. Das war durchaus üblich in der Leichtathletik. Den Minderjährigen erzählten Trainer, sie bekämen Vitamine.

          Ein Brief gegen die Selbsthilfegruppe

          Was soll also dieser Brief von Menschen, die sich mit den furchtbaren Folgen des Dopings auskennen und zu den Klugen im Lande gezählt werden? Die Autoren fordern, die Begutachtung der Antragsteller durch Ärzte zu hinterfragen, und verlangen kompetente Gutachten. Heute, da schlägt der mitunter verächtliche Ton des Wissenschaftlers Franke durch, reichten „subjektive ,Psycho-Gefühle‘“ für eine Anerkennung. Allerdings ist das Bundesverwaltungsamt eher als kühler, nüchterner Entscheider auch in der Anerkennung von Doping-Opfern bekannt. Damit im Zweifel richtig entschieden wird, sollte der Bund endlich den im Gesetz vorgesehenen Beirat einrichten.

          Franke und Co. wenden sich nur scheinbar gegen das Gesetz. In Wirklichkeit richtet sich der Brief gegen die Selbsthilfegruppe, die über Jahrzehnte die Entschädigung erkämpfen musste, gegen Widerstand des organisierten Sports und anfangs auch der Politik. Franke hatte diesen gemeinnützigen Verein, die Doping-Opfer-Hilfe e.V., initiiert, nachdem die Prozesse gegen Doper in Staat und Sport der DDR zur Jahrtausendwende abgeschlossen waren.

          Alle Autoren des Briefes wirkten selbst mit im Verein oder standen ihm nahe*. Aber die Vorsitzende Ines Geipel ist ihnen nach Lobeshymnen inzwischen aus unterschiedlichen Gründen ein Dorn im Auge. Die Schriftstellerin und frühere DDR-Sprinterin gab vor gut zwei Jahrzehnten der Handvoll Opfer eine Stimme und baute ein Netzwerk von Unterstützern auf. Zusammen mit Mitarbeitern ihres Vereins tut sie, was Aufgabe der Sportverbände ist: zuhören, trösten, beraten. Das Elend kommt alltäglich ins Haus. Und nun soll ihre Kooperation insbesondere mit dem Greifswalder Mediziner Harald Jürgen Freyberger diese ehrenamtliche, unendlich scheinende Mühe in Frage stellen? Die Erfahrung von Doping-Opfern, dass auch ihre Kinder Schäden davongetragen haben, erklärt Freyberger mit transgenerationaler Traumatransmission – einem Phänomen, das er erstmals bei Menschen erforschte, die in Konzentrationslagern litten und ihre Schädigungen an Nachgeborene weitergaben. Insbesondere dagegen wendet sich Franke.

          Er kritisiert die gemeinsame Forschung von Medizinern, Ines Geipel und Anne Drescher, der Landesbeauftragten von Mecklenburg-Vorpommern für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR, als potentiell kritische personelle Verflechtung. Die Ärzte unterfütterten die Forderung nach Hilfe für die zweite Generation von Opfern, der Verein revanchiere sich, indem er den Ärzten Patienten zuführe.

          Klientel-Politik? In ihrem Furor übersehen die Autoren den Ernst der Lage. Die gedopten Kinder des DDR-Sports werden inzwischen von den Schädigungen und Traumata eingeholt. Sie sind, immer noch und immer mehr, auf Hilfe angewiesen. Auf die des Staates, auf die des Vereins mit seiner Beratungsstelle sowie auf die einer Handvoll Ärzte in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Denn sonst hilft ihnen – niemand.

          Hinweis der Redaktion

          *In der ursprünglichen Fassung dieses Beitrags hieß es: „Alle Autoren des Briefes wirkten selbst mit im Verein.“. Die Unterzeichner Professor Dr. Gerhard Treutlein und Claudia Lepping legen Wert auf die Feststellung, dass sie nie im Verein Doping-Opfer-Hilfe mitgewirkt haben.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Jetzt bloß nicht gegen Klopp!

          Borussia Dortmund : Jetzt bloß nicht gegen Klopp!

          Dass der BVB auch ohne einige Stars in Monaco siegte und noch Platz eins eroberte, passt zur märchenhaften Erfolgsstory der Dortmunder. Vor der Auslosung des Achtelfinals der Champions League ist ihnen aber ein wenig bange.

          Aus einem Urlaub wird ein Albtraum

          Fußballer Hakeem al Oraibi : Aus einem Urlaub wird ein Albtraum

          Hakeem al Oraibi ist ein Fußballer aus Bahrein, der seit 2014 in Australien spielt. Bei der Landung in Singapur wird er verhaftet. Nun sitzt er fest und kämpft um seine Rückkehr in seine sportliche Heimat.

          Finale auf neutralem Rasen Video-Seite öffnen

          Copa Libertadores : Finale auf neutralem Rasen

          Das Spiel zwischen den argentinischen Klubs River Plate und Boca Juniors um die Krone des südamerikanischen Vereinsfußballs war wegen zahlreichen Krawallen nach Madrid verlegt worden.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.