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Erfurter Verfahren eingestellt : Staatsanwalt: Kann Doping sein

Verfahren eingestellt: Dem Erfurter Arzt Andreas Franke kann ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz nicht nachgewiesen werden Bild: dapd

Die Erfurter Staatsanwaltschaft hat das Verfahren gegen den früheren Arzt am Olympiastützpunkt Thüringen eingestellt: Ihm könne Dopingabsicht nicht nachgewiesen werden. Die Nationale Anti-Doping-Agentur ist unzufrieden.

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          Die Erfurter Staatsanwaltschaft hat das Ermittlungsverfahren gegen Andreas Franke, den früheren Arzt am Olympiastützpunkt Erfurt, eingestellt. Franke hatte einer Reihe von Sportlern jahrelang, bis zum April 2011, Blut entnommen, dieses mit UV-Licht bestrahlt und wieder injiziert.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          Das Verfahren, so die Erfurter Staatsanwaltschaft, die seit dem 15. Dezember 2010 ermittelt hatte, sei eingestellt worden, weil Franke nicht nachzuweisen sei, dass er die Behandlung zur Leistungssteigerung der Sportler und damit zu Dopingzwecken im Sinne des Arzneimittelgesetzes vorgenommen hat.

          „Es kann sein, dass er das zu Dopingzwecken gemacht hat. Es kann aber auch sein, dass er es nicht zu Dopingzwecken gemacht hat. Deshalb mussten wir das Verfahren einstellen“, sagte der Pressesprecher der Erfurter Strafverfolger, Hannes Grünseisen, dieser Zeitung.

          Offensive Werbung

          Gegen eine Anwendung der Methode zu Dopingzwecken habe gesprochen, dass Franke diese offensiv beworben habe, unter anderem auf seiner Internetseite, und auch den Olympiastützpunkt in Erfurt darauf hingewiesen habe. Zudem habe er, angeblich zur Stärkung des Immunsystems und der Behandlung von Erkältungen, auch das Blut von Patienten bestrahlt, die nicht Leistungssport betreiben. Auch die Sportler, die als Zeugen vernommen wurden, hätten unisono ausgesagt, lediglich aus diesen Gründen bei Franke in Behandlung gewesen zu sein.

          Bemerkenswert ist allerdings, dass die Staatsanwaltschaft sicher ist, dass die von Franke angewandte und bereits zu DDR-Zeiten gebrauchte Methode einen Verstoß gegen die Bestimmungen des Anti-Doping-Kodex der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) darstellt: „Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft handelt es sich bei der vom Beschuldigten vorgenommenen UV-Bestrahlung um einen objektiven Verstoß (gegen den Wada-Kodex, d. Red.) und damit um eine verbotene Methode.“

          Nada unzufrieden

          Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) in Bonn setzt sich seit Monaten mit der Frage auseinander, ob die Sportler sanktioniert werden müssen, die sich Frankes Methoden unterzogen haben. Die eingeleiteten Verfahren würden „konsequent und zügig“ weitergeführt.

          „Das wussten wir auch schon“: Nada-Vorstand Mortsiefer
          „Das wussten wir auch schon“: Nada-Vorstand Mortsiefer : Bild: dpa

          „Die Staatsanwaltschaft hat festgestellt, dass dem Arzt subjektiv kein Vorwurf zu machen ist. Für unsere Verfahren gegen Sportler heißt das natürlich, dass die Gegenseite verstärkt Argumente suchen wird, warum die Sportler nicht von einer verbotenen Methode ausgehen konnten. Wir müssen prüfen, ob ihnen trotzdem ein fahrlässiges Vergehen vorzuwerfen ist,“ sagte Nada-Vorstand Mortsiefer der F.A.Z.

          Er zeigte sich mit dem Ausgang des Ermittlungsverfahrens nicht zufrieden: „Die Staatsanwaltschaft ist die einzige Organisation, die in diesen Fällen tiefergehend ermitteln kann. Wenn am Ende ihres Verfahrens steht, dass der Arzt sich nicht strafbar gemacht hat, weil er seine Methoden offen propagiert hat, dann ist das unbefriedigend für uns. Dass er damit offensiv umging, wussten wir auch schon.“

          Insgesamt hat die Nada bislang drei Verfahren angestrengt, von denen eines, gegen die Eisschnellläuferin Judith Hesse, im Juni mit einem Freispruch beendet wurde. Allerdings waren weit mehr Sportler bei Franke in Behandlung: Mehr als 30 Athleten sollen auf seine Methode gesetzt haben.

          Olympiastützpunkt Thüringen (in Erfurt): 70 bis 90 Prozent über Bundesmittel finanziert
          Olympiastützpunkt Thüringen (in Erfurt): 70 bis 90 Prozent über Bundesmittel finanziert : Bild: dpa

          Peter Gösel, der Vorsitzende des Thüringer Landessportbunds, verantwortlich für den Olympiastützpunkt in Erfurt, hat die Entscheidung der Staatsanwaltschaft „mit Erleichterung“ zur Kenntnis genommen. „Für mich war immer klar, und ich bleibe dabei, dass die Methode kein Doping ist“, sagte Gösel, der von „einem Armutszeugnis für die Nada“ sprach. Der Landessportbund hatte die Zusammenarbeit mit Franke im Frühjahr 2011 beendet. Eine Wiederaufnahme der Zusammenarbeit kommt für Gösel nun, nach der Entscheidung der Staatsanwaltschaft, nicht in Frage: „Das wäre taktisch unklug. So dumm sind wir auch nicht, dass wir den Medien dadurch Gelegenheit geben, auf Thüringen einzuschlagen.“

          Der Deutsche Olympische Sportbund kündigte nach Bekanntwerden der Einstellung des Ermittlungsverfahrens an, sein Präsidium werde sich „ganz sicher noch in diesem Jahr“ mit den „Vorgängen um den Arzt“ beschäftigen.

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