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Doping-Kommentar : Im vereinigten Sport-Biotop

Die Praxis des Sportarztes Mark S. in Erfurt Bild: dpa

Die teils grotesken Plattitüden, die Sportlern, Trainern und Funktionären seit den Razzien einfallen, klingen nicht nur viel zu oft wie Schutzbehauptungen. Sie zeugen vor allem davon, dass auch jetzt nur die wenigsten gewillt sind, offen und ehrlich über die Zustände im Sport zu sprechen.

          Jetzt wird es interessant. Welche der Hypothesen der Münchner Staatsanwaltschaft zur lukrativen Nebentätigkeit des Erfurter Mediziners Mark S. werden sich als richtig erweisen? Rund 40 Blutbeutel sahen die Fahnder, als sie vergangene Woche den Kühlschrank einer angemieteten Garage in Erfurt öffneten. Bevor die Beutel nicht zugeordnet sind, ist noch offen, wie viele Sportler dort ihr Blut in Plastiktüten lagerten. Das Doping-Business ist dem Termindruck des Veranstaltungskalenders unterworfen, es wäre keine Überraschung, sollten im Depot zum Zeitpunkt der Razzia vor allem Blutbeutel von Wintersportlern eingelagert gewesen sein.

          Dafür sprechen auch die Erkenntnisse der Ermittler zum Umfang des „All-inclusive-Pakets“. Mitnichten scheint es ein Service für den Saisonhöhepunkt, etwa eine Ski-Weltmeisterschaft gewesen zu sein. Weltcup, Tour de Ski, der anspruchsvolle Kunde durfte, davon gehen die Ermittler aus, für sein Geld – von acht- bis fünfzehntausend Euro sprechen sie in München – Dienstbarkeit von Saisonanfang bis Saisonende erwarten, einschließlich Betreuung vor Ort. Wen also könnten S. & Co. noch bedient haben? Als Komplementärmilieu zum nordischen Wintersport, Hochsaison von November bis März, bieten sich schlechte alte Bekannte geradezu an: Die Radprofis kommen im Frühjahr auf Touren und halten durch bis in den Herbst.

          Dass nun ein österreichischer Radprofi offenbar gestanden hat, ebenfalls Blut-Doping betrieben zu haben, und ein anderer sich bei der Staatsanwaltschaft selbst anzeigte (siehe Kasten unter diesem Kommentar), erhärtet den ohnehin schon erheblichen Verdacht. Schließlich war S. schon vor zehn Jahren und mehr Mannschaftsarzt bei den Doping-Experten von Gerolsteiner. In der Szene geht längst die Angst um, dass sich die Erzählung von der neuen, sauberen Generation als schmutziges Märchen mit uraltem Drehbuch erweist. Jedenfalls beweist die Erfurter Affäre schon jetzt, wie viel die Blutpässe wert sind, mit denen sich die Sportverbände ihres knallharten Anti-Doping-Einsatzes rühmen. Ein Feigenblatt? Nicht mal das. Sie sind nackt, immer noch.

          Sollte zudem zutreffen, dass S., heute Anfang 40, seit „Anfang der Jahre 2000“, wie Kai Gräber, der Abteilungsleiter der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Doping in München, im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vermutet, im Geschäft war, dann hat in Erfurt ein Jungmediziner eine steile Karriere im Doping-Business gemacht. Wie das möglich war? Offen. Es ist ein heiterer Zufall, dass im ganz besonders wiedervereinigten Thüringer Sport-Biotop jener Jahre der Rechtsanwalt Heinz-Jochen Spilker als Vizepräsident des Thüringer Landessportbundes eine wichtige Rolle spielte, der als Trainer in den achtziger Jahren im westfälischen Hamm westdeutsche Sprinterinnen gedopt hatte. Und in der Sozietät ebendieses Spilker war Ansgard S. als Rechtsanwalt beschäftigt, ehe er Ende vergangenen Jahres ausschied. Aus Altersgründen, wie es in der Kanzlei heißt. Vater S., über Jahrzehnte Vorstandsmitglied der Thüringer Sporthilfe, einst auch im Vorstand des Landesskiverbands, ausgezeichnet mit dem Ehrenbrief des Freistaats, hatte Zeit, dem Sohn zur Hand zu gehen.

          Zum Beispiel in Seefeld, wo er verhaftet wurde. Die Ermittlungen im Erfurter Fall könnten einiges Licht bringen in die Doping-Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands im 21. Jahrhundert. Aber niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass S. und sein Erfurter Ring auf diesem Markt Exklusivanbieter waren. Die bisweilen grotesken Plattitüden, die Sportlern, Trainern und Funktionären seit den Razzien am Mittwoch einfallen, klingen nicht nur viel zu häufig wie Schutzbehauptungen. Sie zeugen vor allem davon, dass auch jetzt nur die wenigsten gewillt sind, offen und ehrlich über die Zustände im Sport zu sprechen.

          Weitere Blutdoping-Selbstanzeige durch Radprofi in Österreich

          Der österreichische Radprofi Georg Preidler hat sich im Blutdopingskandal bei der Staatsanwaltschaft selbst angezeigt. Das sagte der 28-Jährige in Interviews der österreichischen „Kronen Zeitung“ und der „Kleinen Zeitung“ (Montag-Ausgaben). Preidler ist der bereits vierte österreichische Spitzensportler, der im Zusammenhang mit den Ermittlungen um das Netzwerk des Erfurter Sportmediziners Mark S. eine Verwicklung zugegeben hat. „Ich hab' ein Doping-Geständnis abgelegt. Ich hab' mir Blut abnehmen lassen, es aber nie rückgeführt. Aber alleine der Gedanke und die betrügerische Absicht sind schon ein Delikt“, sagte Preidler. 

          Bei einer Doping-Razzia waren am Mittwoch sieben Verdächtige am Rande der Nordischen Ski-WM in Seefeld festgenommen worden. Darunter waren fünf Sportler, unter anderem die österreichischen Langläufer Dominik Baldauf und Max Hauke. Vor Preidler hatte zudem ein Tiroler Radprofi nach einer vorübergehenden Festnahme ein Geständnis abgelegt. Am Mittwoch waren parallel in Erfurt der Sportmediziner Mark S. und ein mutmaßlicher Komplize festgenommen worden. (dpa)

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