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Dopingskandal in Mexiko : So ein Zufall

Clenbuterol, das auch als Kälbermastmittel eingesetzt wird, hat im Spitzensport eine beachtliche Karriere hingelegt. Diese Kühe stehen allerdings nicht in Mexiko. Bild: Rainer Wohlfahrt

Wenn die Fifa nicht nebenbei Daten gesammelt hätte, gäbe es 109 positive Dopingfälle mehr im Sport. Denn die Internationale Anti-Doping-Agentur hat im Fall Mexiko gebremst.

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          109 von 208: Das sind Traumzahlen für einen Anti-Doping-Fahnder. Es wäre der ultimative Beweis für eine pharmazeutische Manipulation im ganz großen Stil gewesen; für Minderjährigen-Doping im Fußball: rücksichtslos und kriminell. Aber all die positiven Befunde auf das Asthma-Medikament und Kälbermastmittel Clenbuterol bei 19 von 24 Teams der Fußball-WM für Spieler unter siebzehn Jahren in Mexiko belegen zwei ganz andere Phänomene: Das Land hat ein massives Gesundheitsproblem. Gleichzeitig öffnet sich vor dem Weltsport die nächste Großbaustelle im Kampf gegen Doping.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die 109 Nachwuchskicker werden nach dem Turnier im Frühsommer nicht als Doper verurteilt. "Ihre Karriere kann also weiter gehen", sagt Professor Jiri Dvorak, Chefmediziner des Internationalen Fußball-Verbandes (Fifa). "Andernfalls wäre sie beendet gewesen, bevor sie angefangen hat." Dvorak hat die Jugendlichen in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern des Kölner Antidoping-Labors vor der Dopingfalle der mexikanischen Fleischmafia bewahrt. Das hat das Gesundheitsministerium Mexikos am Montag bei einer Pressekonferenz noch einmal bestätigt und dabei auf seinen intensiven Kampf gegen die illegale Verabreichung von Clenbuterol in der Rinderzucht verwiesen. In der vergangenen Woche sei wieder ein Schlachthaus geschlossen worden.

          Quote bleibt alarmierend

          Dennoch ist die Quote der Fleischverseuchung noch alarmierend: "Bei 644 Kontrollen haben wir in sieben Regionen 99 positive Befunde gehabt." Angesichts der geballten Fakten-Ladung blieb dem knurrigen Cheffahnder in Sachen Doping, der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), keine andere Wahl, als kleinlaut den Rückzug anzutreten. "Ja", konstatierte Olivier Niggli, der Chefjurist der Wada, "die Untersuchungen der Fifa haben uns überzeugt." 109 Mal positiv ist diesmal kein negativer Charakterbefund.

          "Das ist ein Glück", sagt Dvorak. Aber leider auch ein Zufall. Im Nebenjob hat der Mediziner über Monate bekannte und unbekannte Daten zusammengetragen und den Feldversuch unter "wissenschaftlichen" (Dvorak) Bedingungen geleitet. "Eigentlich ist das ja nicht meine Aufgabe." Der positive Test von mexikanischen Nationalspielern im Frühsommer weckte sein Interesse. Diese Resultate und "die Warnung der deutschen Anti-Doping-Agentur" vom April kombinierte er zu einem Verdacht. Steckt vielleicht etwas anderes dahinter als der Versuch, mit dem bei Dopern beliebten Clenbuterol eine anabole Wirkung zu erzielen?

          Eine heikle Frage weniger

          Diese Frage hätte sich Dvorak nicht gestellt, falls Sportler etwa des Kanu-Verbandes positiv getestet worden wären. "Wir hätten jetzt wohl ein paar mehr positive Fälle", sagt der Fifa-Mann. Wenn auch eine heikle Frage weniger: Wer außer der Fifa hat die Kraft und das Durchhaltevermögen, eine Regierung eines Landes zu einem Geständnis zu bewegen? Und wer schafft es, 108 positive Proben von der Wada mit dem Stempel "falsche Dopingzeugnisse" versehen zu lassen? "Wir müssen uns schon die Frage stellen", sagt Dvorak, "ob die internationalen Sportverbände für solche Aufgaben zuständig sind."

          Sie müssten nun in aller Welt forschen. In Europa spielte die illegale Aufzucht von Kälbern mit Clenbuterol in den neunziger Jahren ein große Rolle. "Schwein mit Husten" überschrieb der "Spiegel" einen Beitrag über den Kampf der EU-Kommission gegen die Hormon-Mafia von 1994. Die Arznei hilft kranken Tieren. Mit der Globalisierung soll die Clenbuterol-Methode zur beschleunigten "Produktion" von zarten, roten Steaks in alle Winkel der Erde getragen worden sein. Wie ist die Praxis in Argentinien oder in Brasilien, dem zweitgrößten Rindfleischproduzenten nach den Vereinigten Staaten? 2014 finden dort die nächste Fußball-Weltmeisterschaften statt, 2016 in Rio die Olympischen Spiele. "Ich weiß es nicht", sagt Dvorak: "Aber ich bin dafür, dass man sich die Welt genau anschaut."

          „Wir hatten keine Beweise“

          Sportverbände aber, das zeigt die Geschichte, stecken in einem Interessen-Konflikt. Wer entlarvt schon gerne die eigenen Sportler als Manipulateure. Insofern böte sich die Wada als zentrale und weitgehend unabhängige Instanz an. Wenn sie denn im Mexiko-Fall eine nicht so bremsende Rolle gespielt hätte. "Wir hatten keine Beweise", hieß es in einem Schreiben an diese Zeitung auf die Frage, warum die Wada erst sechs Monate nach der Warnung der deutschen Anti-Doping-Agentur (Nada) und erst kurz vor der drohenden Niederlage im Sportgerichtsprozess gegen die Fifa offiziell einlenkte. "Das ist eine schwache Antwort", sagt ein Antidoping-Experte. Schließlich stellt die Wada mit dieser Erklärung das Vertrauen in die Kompetenz ihren eigenen (Kölner) Wissenschaftler in Frage. Die aber ist wieder bewiesen. "Die Aussage der Nada", sagt Dvorak, "war für mich der entscheidende Hinweis."

          Clenbuterol hat eine beachtliche Karriere im Spitzensport hinter sich. Seit Jahrzehnten werden immer wieder Spuren der Substanz im Urin von Athleten gefunden. Freizeitdoper diskutieren die Einnahme und Wirkung im Internet freimütig, berichten von den angeblich "harmlosen" Nebenwirkungen bei Überdosierungen: Zittern, Kopfschmerzen, Bluthochdruck. Es gibt - auf den ersten Blick - schlimmere Folgeerscheinungen und in den Augen von Dopern unattraktivere Mittel. Der Stoff wird als absichtlich eingenommener Beschleuniger im Spiel bleiben. Allerdings ist nicht ganz sicher, ob alle Clenbuterol-Doper bei Dopingtests weltweit entdeckt werden. Von den 108 Proben während der U17-WM waren im Antidoping-Labor von Los Angeles zunächst nur vier aufgefallen, bei einer Nachprüfung in Köln dann die anderen 104 mit niedrigeren Werten. Die Rheinländer können auch geringere Dosierungen feststellen. Bei einem Team aber fanden sie nichts: Mexiko kam im Kampf gegen manches Clenbuterol-Team sauber zum Titel. Seit Mai durften die Spieler nur Fisch und Gemüse essen.

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