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„Operation Aderlass“ : 145 Seiten Anklage, 30 Zeugen – 23 Doper

Blut im Beutel: Seefelder Impression vom 27. Februar 2019. Bild: Zollfahndungsamt München

Gegen den Erfurter Mediziner Mark S. und vier Helfer ist im Rahmen der „Operation Aderlass“ Anklage erhoben worden. Neben dem Vorwurf der gewerbsmäßigen Anwendung verbotener Doping-Methoden wird ihm auch versuchte gefährliche Körperverletzung zur Last gelegt.

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          Die Staatsanwaltschaft München I hat Anklage gegen den Erfurter Sportarzt Dr. med. Mark S. und vier Helfer erhoben. Ihnen wird gewerbsmäßige und teilweise bandenmäßige Anwendung verbotener Doping-Methoden und die Beihilfe zu diesen vorgeworfen. Gegen S. besteht zudem der Verdacht der gefährlichen Körperverletzung. Über die Eröffnung des Hauptverfahrens muss das Landgericht München II entscheiden. Sollte es die Anklage zulassen, dürften die auf der sogenannten „Operation Aderlass“ basierenden Ermittlungen gegen das mutmaßliche Netzwerk zum größten Doping-Prozess hierzulande werden, seitdem das Anti-Doping-Gesetz am 18. Dezember 2015 in Kraft getreten ist.

          In der Pressemitteilung, die von der Pressestelle der Münchner Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für Doping am Donnerstagmittag versandt wurde, heißt es, dass die Ermittler davon ausgehen, dass S. von Erfurt aus „regelmäßig und in einer unbekannten Vielzahl von Fällen weltweit, überwiegend in Europa, vor allem in Deutschland und Österreich, insbesondere im Bereich des Rad- und Wintersports systematisches Blutdoping“ angeboten und vollzogen habe. Darüber hinaus seien auch weitere Arzneimittel und Wachstumshormon zur Anwendung gekommen. Ab 2014 habe S. dann einen „wechselnden eingeweihten kleinen Kreis von Personen, die für ihn die im Rahmen des Eigenblutdoping erforderlichen Maßnahmen durchführten oder logistisch begleiteten“, unterhalten.

          Ausgelöst durch Kronzeuge Dürr

          Der Vorwurf der versuchten gefährlichen Körperverletzung bezieht sich auf den Verdacht, dass S. einer Sportlerin ein neuartiges Medikament verabreicht habe, ohne „belastbare Informationen über Inhalt, Zusammensetzung oder Wirkungsweise“ des Präparats zu haben. Gleichwohl soll ihr gesagt worden, dass das Medikament steril und bereits an mehreren Personen getestet worden sei.

          Ausgelöst wurden die Ermittlungen, die sich nach Darstellung der Staatsanwaltschaft gegen insgesamt 50 Personen, Sportler, Ärzte, Betreuer und deren Helfer richteten, durch die Aussagen des früheren österreichischen Langläufers und Kronzeugen Johannes Dürr in einer ARD-Dokumentation. Die dadurch angestoßenen Ermittlungen führten zu Razzien am 27. Februar, als in Seefeld, Tirol, die Nordischen Skiweltmeisterschaften liefen. Für das Münchner Verfahren wurden insgesamt fünf Personen festgenommen und elf Objekte in Erfurt und Österreich durchsucht. Nach Darstellung der Staatsanwaltschaft haben die Angeschuldigten, zu denen auch der Vater von S. gehört, sich teilweise zu den Tatvorwürfen geäußert. Die Praxis des Dr. S. war lizenzierte Sportuntersuchungsstelle des Landessportbunds Thüringen, S. senior war über Jahre aktiv als Vorstandsmitglied der Thüringer Sporthilfe und des Thüringer Skiverbandes sowie als Vorsitzender des Schiedsgerichts im Landessportbund Thüringen.

          Für seine ehrenamtliche Tätigkeit war er 2007 mit dem Ehrenbrief des Freistaats Thüringen ausgezeichnet worden. Beruflich arbeitete er bis zu seinem altersbedingten Ausscheiden als Rechtsanwalt in der Erfurter Sozietät von Heinz-Jochen Spilker. Dieser war 1994 vom Amtsgericht Hamm wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz zu einem Bußgeld in Höhe von 12.000 Mark verurteilt worden. Er hatte als Leichtathletik-Trainer seinen westdeutschen Sprinterinnen Anabolika zugeführt. Nach der Wiedervereinigung ging Spilker nach Thüringen und wurde Rechtswart und Vizepräsident des Landessportbundes.

          Die Anklageschrift umfasse 145 Seiten, teilte die Staatsanwaltschaft mit, sie führe 30 Zeugen auf, darunter „zahlreiche Sportler sowie mehrere Gutachter und zahlreiche Urkunden als Beweismittel“. Insgesamt hätten 23 Sportler aus acht europäischen Ländern Blut-Doping an sich durchführen lassen. Bei der Pressekonferenz zu den Ermittlungen, die der Abteilungsleiter der Staatsanwaltschaft Kai Gräber am 21. März in München gab, war von 21 identifizierten Kunden des Netzwerks die Rede. Damals hatte Gräber dargestellt, dass die Angeschuldigten offenbar häufiger medizinische Risiken eingegangen sind bei ihren Behandlungen. Ein Sportler sei während der Observationen aufgefallen, der nach einer Eigenblut-Behandlung „aus einem Objekt herauskam wie unter Betäubungsmitteln stehend. Das Erste, was er gemacht hat: beide Arme bis zu den Schultern in den Schnee gesteckt. Offensichtlich, weil der Kreislauf und die Temperatur zu hochgefahren waren und er kühlen musste“, hatte Gräber gesagt.

          Soweit österreichische Sportler betroffen sind, etwa Dürr, werden die Verfahren in Innsbruck geführt. Der Prozess gegen den geständigen Dürr beginnt am 27. Januar. Ihm wird schwerer gewerbsmäßiger Betrug vorgeworfen. Zudem soll er zum Doping anderer Sportler beigetragen und diese an S. vermittelt haben. Am 14. Januar beginnt der Prozess gegen den früheren Langläufer Dominik Baldauf wegen gewerbsmäßigem schweren Betrugs. Auch Baldauf soll sich geständig gezeigt haben. Einen Tag später wird der Fall von Radsportler Georg Preidler verhandelt. Auch hier lautet der Vorwurf gewerbsmäßiger schwerer Betrug. Er hatte sich im März selbst angezeigt. Der Prozess gegen Radprofi Stefan Denifl wurde auf den 3. Februar 2019 verlegt. Langläufer Max Hauke, der bei der Razzia in Seefeld auf frischer Tat bei der Rückführung von Blut erwischt wurde, erhielt im Oktober eine fünfmonatige Bewährungsstrafe. Der Österreicher hatte vor Gericht gesagt, dass er seit 2016 einem deutschen Sportmediziner 10.000 Euro pro Saison für die Behandlung mit Eigenblut bezahlt habe.

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